1.3.06

Kein Platz zum Tanzen

Die Koreaner singen gern und gut, erklärte Professor Kim während meines ersten Besuchs in seinem Büro. Bis zu ihm hatte es sich herumgesprochen, daß ich gleich an meinem ersten Abend zusammen mit Andrea und drei weiteren neuen Bekannten in ein Norebang ging. Ich weiß nicht genau, woher er unterrichtet worden war, aber der Flurfunk funktioniert anscheinend auch an dieser Uni ausgezeichnet.

Norebang (nore(hada)=singen und bang=Raum, Zimmer - also "Singzimmer" frei übersetzt) heißt die koreanische Form des geselligen Singens in einem kleinen Zimmerchen mit riesigem Bildschirm und Mikrofon. Die japanischen Erfinder nennen es Karaoke.

In dem Film "Lost in Translation", den ich nur wärmstens empfehlen kann, gibt es eine schöne Szene in einem japanischen Norebang. Ein stark angetrunkener Bill Murray singt mit den traurigsten Augen der Welt ein Lied und spätestens an dieser Stelle werden die inneren und äußeren Leiden dieses Mannes in ihrer ganzen Wucht spürbar.

Das Norebang, in dem ich war, lag in einem Keller. An einer Empfangstheke bezahlen die Gäste die Miete für eine Stunde und dürfen dann ein kleines Zimmer betreten. Bereits vom Flur aus sah man hinter Glastüren kleine Grüppchen von Koreanern ausgelassen singen. Erstaunt schüttelten wir zuerst den Kopf, aber das legte sich merkwürdigerweise sehr schnell. An den Längsseiten des Raumes standen zwei Polsterbänke. An der Frontseite flackerten uns Videos auf einem überdimensionalen Fernsher entgegen. Man sah einen Sänger und Tänzerinnen auf einer Bühne. Dann ein riesiges Publikum. Eine koreanische Rockband. Lichteffekte. Eine Sängerin. Die Videos, das sollte ich erst später bemerken, waren eher willkürlich den Liedern zugeordnet worden. So konnte es passieren, daß eine ruhige Ballade bildtechnisch mit wilden augenrollenden Heavy-Metall-Musikern unterlegt wurde. Mein persönlicher Favorit, bei dem Musik und Video absolut nicht zusammenpassten, war jedoch Frank Sinatras "My way". Dazu sah man bizarrerweise koreanische Rapper mit dem vollständig kopierten Ausstattungsarsenal eines amerikanischen HipHop-Videos (schwere Goldketten, rote Sportwagen, leichtbekleidete Mädels) herumturnen.

Nach einer kurzen Aufwärmphase - in der zu Beginn die einzig koreanisch sprechende Frau in unserer Runde eine koreanische Ballade sang - wollte jeder mal an eins der zwei Mikrofone. ABBA, Neil Diamond, Beatles, MC Hammer, U2, REM... Eine einstündige musikalische Reise durch 40 Jahre Rock- und Popgeschichte folgte. Die Ausgelassenheit eines Kindergeburtstages kombiniert mit den gesanglichen Qualitäten einer brüllenden Affenhorde, so in etwa hörte sich unser Auftritt an.

Ich kann schwer erklären, warum jeder von uns plötzlich diesen Drang zum Singen verspürte, wo wir doch eine Viertelstunde vorher kopfschüttelnd an den anderen Glastüren vorbeigegangen waren. Es hat nicht nur mit der Wirkungsweise des Alkohols zu tun. Es hat weder mit dem euphorischen Anfeuern und Beklatschen zu tun, der die Zuhörer befällt wie eine Krankheit, noch mit dem Heischen nach Anerkennung und Lob, der den Sänger für einen kurzen Moment in das gleißende Licht einer Showbühne taucht. Es hat auch nicht damit zu tun, daß man am Ende des Liedes eine Punktbewertung erhält und damit auch dem internen Gruppenwettstreit eine gewisse Bedeutung zukommt (was allerdings kaum jemand öffentlich zugeben würde). Es ist vielleicht nur eine bessere Möglichkeit die Nächte in einer Stadt gemeinsam zu verbringen, in der der Platz zum Tanzen knapp ist. Diskos oder Clubs habe ich bislang noch nicht gesehen, dafür jede Menge Norebangs.

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