6.3.06

Popper

Müslüm Gürsüs, du fehlst mir. Hier im Land des Lächelns und des ewigen Wohlgefallens, der Bonbonfarben und des sanften Klangs eines Popsongs würde es auch dir gefallen. Und du hättest die treuesten Fans der Welt, wenn sie hier türkisch verstehen würden.

Die Koreaner singen gern, wurde einer meiner Professoren gleich im ersten Gespräch nicht müde zu betonen, nachdem er von meinen Erlebnissen im Norebang (Karaoke-Stüberl) gehört hatte und - fügte er mit wichtiger Miene an, aus der jedes Lächeln verschwunden war - die Koreaner singen gut. Sollen sie doch, dachte ich und erlebte am Freitag dann zu meiner großen Freude den "cheering day" (siehe "Zujubeling").

Nun ist es verhältnismäßig leicht, an einem Ort gern und gut zu singen, der voraussetzt, daß man gern und gut singt. Das Fernsehen macht es vor. Auf "Channel V" laufen fast rund um die Uhr die schmusi-schmusigsten Clips, die es seit Menschengedenken auf unserem schönen Planeten gibt. Balladen, die auch dem hartgesottensten Trucker die Tränen in die Augen treiben. Popsongs, die auch dem letzten Stiesel klarmachen, daß nur die Liebe zählt. Was noch? Balladen und Popsongs, soweit die Ohrmuschel reicht. Was noch? Das muß doch wohl reichen!

Die Bebilderung dieser Clips unterliegt ähnlich kreativen Gestaltungsmitteln wie bei US-amerikanischen Hiphop-Videos. Sind es bei den Ami-Rappern Kackbeutelhosen (danke, Mutti), schwere Goldkettchen vorne gern auch mit großem Stern, knappstbekleideten Damen und weiße oder rote Sportwagen, so handelt es sich bei den einheimischen Poppern um gutgekleidete Jüngelchen mit glatten Gesichtern und Fönfrisuren, ihre Dämchen oft in helle Farben getaucht, lichtumflutet, strahlend. Ein Fest der Jugendlichkeit. Man meint mitunter, daß eine Wolke Parfüm aus dem Fernseher hervorduftet und glaubt dann, daß die Koreaner tatsächlich das Geruchsfernsehen erfunden haben. Mit Ästhetik wird nicht gegeizt, sondern gereizt. Dramaturgisch wird viel mit Zeitlupen hantiert, vor allem während des Blickkontakts zwischen den Geschlechtern. Wehende Gardinen. Vollgeschriebene Blätter, die langsam zu Boden sinken. Fotos voller Erinnerungen. Anrufe. Tränen. Lachen.

Wenn man "Kuschelrock" mag und die Musikauswahl von "Radio Paradiso" als angenehm empfindet, dann ist man hier gut aufgehoben. Punk-Musike, Täkk-No oder meinetwegen auch "Knorkator" wurden jedenfalls nicht in Korea erfunden. Sowas gibt es hier entweder nicht oder es ist mir noch nicht untergekommen. (Oder, aber das kommt jetzt aus der Propaganda-Abteilung der Korea Universität, sowas findet man nur an der Yonsei Universität.)

Wie müssen wir uns also eine Love-Parade in Seoul vorstellen, wie ein "Sex-Pistols"-Konzert in Busan?

Am besten gar nicht.

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