3.3.06

Zujubeling

Als ahnungsloser Europäer hat man es mit den Segnungen des akademischen Gebarens in Südkorea nicht immer leicht. Letzten Freitag kam nur eine einzige Studentin in einen regulären Kurs, obwohl ungefähr 20 weitere Namen auf der Teilnehmerliste standen. Der Grund für die Abwesenheit der anderen Studenten war der sogenannte "cheering day". Ich übersetz das mal locker aus der Hose mit "Zujubeling", für diejenigen, die ihr Englischwörterbuch im Keller vergraben haben.

"Zujubeling" ist die südkoreanische Art auszudrücken, wie sehr man seine Universität schätzt und wie stolz man ist, als kleines Rädchen im großen geistigen Getriebe von nun an mitmachen zu dürfen. Die "freshmen", die "Frischlinge" also, bilden eine Gruppe von 10-20 Studenten. Dann versammelt sich jede Gruppe um eine bunte Fahne, die mit netten patriotischen Sprüchen bemalt oder bestickt ist und zieht damit über den Campus. Den ganzen Tag ziehen sie so herum und all die jungen Gesichter strahlen eine Entdeckerfreude und eine Neugier aus, wie man sie seit Kolumbus' Zeiten nicht mehr gesehen hat. Es geht voran!

Zum Glück fällt der "cheering day" auf einen Freitag und zwar immer in der ersten Woche des neuen Studienjahrs. (Anders als in Deutschland beginnt für viele Erstsemester hierzulande nämlich schon im Frühjahr der lustigste Teil des Studentenlebens. Das ist besser als in Deutschland. Denn wer verliebt sich schon im tristen Herbst in die Stadt, in die Uni und in seine vielen neuen Kommilitoninen und Kommilitonen?) Die Wahl dieses speziellen Tages hat Vorteile: Wenn die Stimme vom vielen Singen, Kreischen und Schreien versagt, haben die Studenten am folgenden Wochenende genug Zeit, sich auszukurieren. Sie fehlen nicht wirklich in den Kursen, denn nach zwei Tagen ist alles vorbei. Und sie verbreiten eine Fröhlichkeit, die gut tut.

Schönster Moment auf meinem Nachhauseweg am Freitag dann dies: Weit über den Campus erschallt eine koreanische Version des Schlagers "Dshinghis Khan", gesungen aus hunderten Kehlen junger Menschen. Deutsches Liedgut, nie klangst du so fantastisch, wie an diesem Ende der Welt! Später, es ist kurz vor 18 Uhr, stehe ich vor dem großen Sportplatz, wo die Erstsemester in großen Kreisen an den Händen gefaßt tanzen und singen. Es gibt auch ein gelbes tanzendes Uni-Maskottchen, einen Tiger. Dazu rotbebluste junge Damen und Herren (ja, richtig gelesen, auch Männer - man hatte mich schon vorher gewarnt), die "Cheerleader", die mit ihren glitzernden Puscheln in den Händen eine Stadionrunde nach der anderen drehen. Seit dem Vormittag waren die neuen Fans der Korea Universität zu hören gewesen. Jetzt, am frühen Abend, ziehen sie langsam ab, dabei immer weiter singend, fahnenschwenkend, kichernd, lachend, durcheinander erzählend. So beginnt vielleicht eine Liebe, die ein Leben lang hält.

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