2.4.06

Eine Bruch-Geschichte

Vor anderthalb Wochen, die Erkältung war schon bei mir im Anmarsch, aber noch nicht ausgebrochen, stand ich vor verschlossener Bürotür.


Es war 8:30 Uhr am Morgen. In einer halben Stunde würde meine Deutschstunde beginnen. Ich versuchte mehrmals meinen Schlüssel im Schloß zu bewegen, aber es half nichts. Die Tür blieb zu. Meine Kollegin war weit und breit nicht zu sehen. Nur ein pinkfarbener Regenschirm lehnte am Türrahmen. Einen Augenblick später kam der Hausmeister, sagte etwas auf koreanisch und als ich das nicht verstand, wiederholte er den Satz nochmal etwas lauter. Sehr komisch. Dann holte er ein Spraydöschen hervor und besprühte damit das Schloß. Er probierte seinen Schlüssel zu bewegen. Rüttelte an der Klinke. Sprayte. Rüttelte.

Meine Kollegin kam, nervöser Blick auf die Klinke, dann auf die Uhr. Es war mittlerweile 8:45 Uhr. Wir standen da und schauten dem Hausmeister zu, der keine andere Idee hatte, als sein Spray zu benutzen und an der Türklinke zu rütteln. Umständlich holte er sein Handy hervor und erklärte etwas auf koreanisch. Wir nickten brav und gingen zum Unterricht. Ohne Kopien, ohne Lehrbücher, denn die lagen ja im Büro auf unseren Schreibtischen.

Nach dem Unterricht wollte ich wieder zum Büro, vielleicht hatte sich das Türproblem mittlerweile gelöst. Jetzt standen drei Männer davor: der Hausmeister, ein Mann vom Schlüsseldienst und eine Art Assistent. Die Tür war - zu.

Ich ging in den Computerraum und versuchte für meinen nächsten Kurs irgendwelche Arbeitsblätter aus dem Internet herunterzuladen und auszudrucken. Die Kopien und Bücher waren ja, wie gesagt, alle im Büro. Als ich nach einer halben Stunde wieder an unserer Bürotür vorbeikam, hatte der Mann vom Schlüsseldienst eine Akku-Bohrmaschine hervorgeholt und bearbeitete damit das Türschloß. Mit einer Akku-Bohrmaschine! Jeder deutsche Handwerker wäre jetzt entweder ohnmächtig zusammengebrochen oder an einem Lachkrampf erstickt. Nicht ich! Ich stellte mich gemütlich neben den Mann und sah ihm bei der Arbeit zu. Es war sehr interessant.

Nach ungefähr 2 Minuten, die Bohrmaschine gab nur noch ein klägliches Röcheln von sich, verschwand der Meister im Männerklo... und kehrte ohne Bohrmaschine zurück. Er nahm einen Schraubendreher und stocherte weitere 2 Minuten an der Schloßblende herum. Dann ging er wieder zum Männerklo, kehrte mit der Bohrmaschine zurück und bohrte wieder 2 Minuten. In der Zwischenzeit ging ich aufs Klo, um nachzuschauen, was der gute Mann dort immer machte. Ich hatte das dumpfe Gefühl, daß...

Und tatsächlich, ich hatte mich nicht getäuscht. Der Stecker des Händetrockners war herausgezogen worden und stattdessen klemmte dort die Ladestation für die Akku-Bohrmaschine. Alle 2 Minuten, wenn der Akku leer war, ging der Handwerker aufs Klo, um dort sein Maschinchen wieder aufzuladen. Gern hätte ich den dienstbaren Mann vom Schlüsseldienst gefragt, ob er nicht ein... aber dann fiel mir ein, daß ich das Wort "Verlängerungskabel" nicht auf koreanisch wußte. So mußte er weitere zwei Stunden mit seiner Akku-Maschine herumhantieren und viele Male hin- und herlaufen.

Am Nachmittag hielt ich dann einen neuen Büroschlüssel in der Hand. Schloß und Schlüssel passten sogar zusammen und die Tür ließ sich auch ganz leicht öffnen. Nur die Verblendung sah von außen etwas wacklig aus. Eine Woche später, dann schon nach meiner Genesung, bekam ich ein zweites Mal einen neuen Schlüssel. Ich weiß also nicht, was in der Zwischenzeit, als ich krank im Bett lag, noch so alles passiert ist. Meine Kollegin schweigt bis heute hartnäckig darüber.

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