16.5.06

Mit good old Goethe ins Stadion

Nur noch wenige Wochen bis zum Start der Fußball-WM in Deutschland und es rauscht ganz gewaltig im deutschen Medienwald bzw. was davon noch hier so ankommt. Denn man entgeht dem aktuellen Thema Nr. 1 selbst bei der täglichen Rundschau durch die Online-Ausgaben der Zeitungen nicht. Will man auf die Blogs ausweichen... Fehlanzeige. Bei SPIEGEL Online wurde jetzt schon ein (nicht ganz ernstgemeinter) Knigge für die deutschen Gastgeber veröffentlicht. Zum Glück ist der Artikel ganz humorig geschrieben, was nicht unbedingt von einem Deutschen zu erwarten war. Grüsse an die altbekannten Klischees.

Die schönste Stelle daraus möchte ich gern zitieren, weil da mein Germanisten-Herz einen kleinen Freudenhüpfer machte. Zum Thema "Fangesänge" heißt es da:

Auch auf der Fußballtribüne kommt es auf die Formulierung an, auf Feinheiten und Versmaß. Auch hier lassen sich Anfeuerung und optimistische Appelle an die eigene Nationalmannschaft in anspruchsvolle Reime fassen statt in tumbe Grölerei. Warum nicht einmal ganz klassisch mit Goethes "Faust" gemeinsam aus 50.000 Kehlen rufen:

"Wie alles sich zum Ganzen webt/ Eins in dem andern wirkt und lebt!"

Selbst wenn just in diesem Augenblick Philip Metzelder einer seiner berüchtigten Fehlpässe unterläuft und das deutsche Mittelfeldspiel wieder einmal im Chaos versinkt - bei Goethe findet sich immer das treffende Wort:

"Wenn aus dem schrecklichen Gewühle/ Ein süß bekannter Ton mich zog..."

Hoch gestimmte Gelassenheit und abgeklärte Grandezza des Weimarer Genies sollten uns durchaus Orientierung und Richtschnur sein.

Ein japanischer Student, mit dem ich vor einigen Tagen kurz das Woher und Wohin austauschte, stammelte mit leuchtenden Augen: "Dschömenie? Wölld-Kap!"

Ab und zu begegnet man jungen Koreanern, die deutsche Fußballtrikots tragen - und eben keine brasilianischen oder englischen. Es ist kaum vorstellbar, daß ein englischer Junge ein deutsches Trikot tragen würde. Oder ein Deutscher ein niederländisches. Ein Tscheche das der Ukraine, ein Pole das schwedische Trikot... So weit entfernt ist Europa im Geiste. Das Verschwinden der innereuropäischen Grenzkontrollen war nur eine armselige kosmetische Angelegenheit ohne Konsequenzen auf das zwischenmenschliche Zusammenleben. Die latent existente Angst vor dem fremden Nachbarn ist geblieben.

Deshalb ist diese selbstverständliche Art, wie in Korea mit Deutschland als Nation umgegangen wird, neu für mich. Kein verkrampftes Fragenstellen über und an die deutsche Geschichte. Keine Angst davor, in irgendein politisch-ideologisches Fettnäpfchen zu treten.

Andererseits: Der Ball ist rund und jedes Spiel dauert eine gefühlte Ewigkeit. Fußball sollte man am besten sehen, erleben und spielen.

Abschließend noch der Link auf die Druckversion des SpON-Artikels für diejenigen, die sich nicht die Augen am Monitor verderben wollen. "-"

7 Comments:

At 17/5/06 01:16, Anonymous Anonym said...

Neulich im Tigerstaat:
Ein Germane kommt zum Arzt, zeigt auf den linken Fuß und sagt, Alda hier kneift mir watt aba ick würd gern mit Jöthe ins Schatadiom. Da sagt der Arzt zu dem Germanen, schon in Ordnung, aber erstmal müssen sie 5000 Dong Praxisgebühr bezahlen und außerdem üben sie jetzt die Anlautpalatalisierung der mittellangen postaspirierten Konsonanten.
Da sagt der Germane zum Arzt: SELBER DOOF!!

Wuhahaha. 8-)))
/J. aka Da Wampen Womanizer

 
At 17/5/06 01:29, Anonymous Georg Müller said...

Lieber Stefan, liebe Mitleserinnen und Mitleser,
einen schönen Gruß von der Ostseeküste voraus!
Mich freut, dass mit den neuesten Errungenschaften der Elektronischen Datenverarbeitung ( im Folgenden EDV) junge Menschen ihre Erfahrungen und Erlebnisse im Internet publizieren und mit anderen jungen Menschen teilen können.
Du hast dir heute das Thema Fußball herausgesucht. Das ist eine sehr gute Wahl.
Fußball war schon immer ein Symbol für grenzüberwindende Sporterfahrung und Spaß am Miteinander der Jungen und Alten, unabhängig von Religion, Schuhgröße oder Hautfarbe.
Ich wünsche allen jungen Menschen da draußen viel Spaß beim Fußball, aber auch beim Bloggen, und ich wünschte wirklich, dass es weniger feige "Anonyme" gäbe, die solchen gequirlten Schwachsinn von sich geben, wie neuerdings dieser Wampen-Typ da.

Lasst uns nun Freude und Spaß, aber auch Kurzweil und Erbauung empfinden, empfangen und erleben beim Fußball!
/Euer Georg Müller

 
At 17/5/06 18:42, Anonymous Anonym said...

Hallo Georg, Du Leuchtturm der Berliner und Seouler Hochseefischerei, Wampen-Womanizer ist ja noch nicht ganz, oder bist Du in diesem Jahr dem Greifswalder Pinguine e.V. beigetreten und übst Dich aufm Bodden im Eisschollensurfen? Habe Dich schon als vermisst gemeldet. Hättest Dich übrigens nicht erst "outen" müssen. Stefans Fanclub ist sehr überschaubar. Bis auf dieses Sonnenbrillenmodel *gitte*, über deren Mitgliedschaft im Wir-lieben-Herr-Carl e.V. auf der nächsten Jahreshauptversammlung erst noch abgestimmt werden muss, sind alle anonymen Gestalten im engsten Familien- und Freundeskreis zu finden. Also, herzlich willkommen in unserem kleinen, intimen Kreis. CaRo

 
At 17/5/06 19:28, Anonymous Anonym said...

@CaRo: Verbindlichsten Dank, aber jetzt wolln mir mal nicht so gegen Sonnebrillenträgerinnen mobben, gell?! Immer schön die Nettiquette wahren.
Und wer bist du eigentlich? Jetzt wo du meine Identität gelupft zu haben meinst, übrigens schon der zweite Verstoß gegen die Nettiquette *einschnapp*, wäre es ebenso recht wie billig, das "CaRo" zu klären. Ich habe da so eine Däorie, wie wir im Obersächsischen sagen, aber das passt nicht so ganz mit den Initialen.

 
At 17/5/06 23:46, Blogger sca said...

Songs zum Thema "Flaming in Blogs" (bitte bei Nicht-Verstehen selbst ergoogeln, ich hab es so satt, alles erklären zu müssen):

"Was geht ab..." (Die Fantastischen Vier)

"Schunder-Song" (Die Ärzte)

"Das bißchen Totschlag" (Die Goldenen Zitronen)

Ergänzungen willkommen.

Weiterhören! Weiterlesen! Weiterkämpfen!

PS: Mein Fanclub ist nicht überschaubar (und jetzt posten endlich auch mal Nicht-Familienmitglieder - vielen Dank dafür!), sondern wächst ganz beschaulich.

 
At 18/5/06 01:02, Anonymous Anonym said...

Jaja, war sicher alles nicht so gemeint.
Bestimmt sind CaRo und Gitte hinter den Kulissen ganz dicke Freundins und das war nur so'n Insiderjoke, der mich hier ganz unnötigerweise die Rolle des Weißen Ritters hat annehmen lassen.

Aber mit der Aufklärung anonymisierter Namen sollte man bissel zurückhaltend sein.

Schön, wenn Leute anhand irgendwelcher Hinweise die Identität zu bemerken meinen. Soll ja auch so sein -- für die Freunde. Dann sollen sie sich im Stillen ihres Wissens freuen und das dann für sich behalten. Alles andere ist einfach gegen die Spielregeln. Das hier ist nicht Wer-bin-ich, sondern das Internet. Der nächste Google-Bot kommt hier in paar Stunden vorbei und scannt alles und spätestens dann lässt sich das Geschriebene für ewige Zeiten verknüpfen mit irgendwelchen Namen.
Und genau das sollte so NICHT sein.

Ich weiß, dass das alles nicht böse gemeint ist. Es ist halt nur so, dass es die Freude am ungehemmteren weil mit Absicht anonymisierten Sprech schlagartig auf ca. 0 (in Worten: Null) herunterfährt.

MfG,
/J.

 
At 18/5/06 11:56, Anonymous Anonym said...

@J: Absolut richtig. Das Web sieht zwar manchmal aus wie ein freundlicher Spielplatz, aber dieser Eindruck ist falsch.

Ich will keinen ermahnen oder kritisieren. Jeder ist schliesslich fuer sich selbst verantwortlich. Aber ein Mindestmass an Netiquette und gegenseitigem Respekt sollte gewaehrleistet sein.

 

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