28.5.06

Pietah

Das ist die Geschichte von Pietah, von einem der auszog, um etwas zu suchen, von dem er nicht genau weiß, ob es das wirklich gibt, wonach er sucht.

Ich traf ihn, besser gesagt: er traf mich, in einem Straßenrestaurant. Es war ein warmer Frühlingsabend im April gewesen. Meine erste Wanderung mit zwei Kollegen auf den Dobongsan am Rande Seouls lag gerade hinter mir und wir wollten noch eine Kleinigkeit essen und trinken. Wir drei waren ein bisschen müde und erschöpft und langsam ging uns der Gesprächsstoff aus. In Gedanken war ich schon auf dem Nachhauseweg, als plötzlich ein nicht mehr ganz junger Mann mit europäischen Gesichtszügen an unseren Tisch trat und mich nach dem Woher und Wohin fragte und im Grunde eigentlich abwartete, bis wir ihn an unseren Tisch bitten würden. Was auch geschah.

Bis heute bin ich nicht sicher, ob das ein Fehler oder eine gute Tat gewesen ist, dass „Pietah from England“, wie er sich selbst mit kräftiger Stimme vorstellte, bei uns Platz nahm. Meine Kollegen forderten ihn gleich auf, beim Essen ordentlich zuzugreifen. Aus einem unerfindlichen Grund dachte Pietah nun, dass er uns sozusagen als Gegenleistung unterhalten müsse und redete ohne Punkt und Komma. Gleich am Anfang meinte er, dass er kein Sozialleben habe, fast immer allein sei und fragte, wie ich es geschafft hätte, mit zwei Koreanern wandern zu gehen. Ich zuckte mit den Schultern, weil ich darauf beim besten Willen keine Antwort geben konnte. Es hatte sich eben so ergeben.

Dann erzählte er von seiner Arbeit in Korea (er unterrichtet Englisch an einer Schule) und von seinem vorigen Aufenthalt in Japan. Er machte sehr abwertende Äußerungen über die Japaner, wohl um sich bei den anwesenden Koreanern beliebt zu machen. Die Bedienung schaute mittlerweile etwas verärgert drein, denn unser Gast sprach die ganze Zeit über sehr laut und geriet außerdem leicht ins Stottern, sobald er schneller sprechen wollte. Er vergraulte die Kundschaft. Zwar gingen viele Leute am Straßenrestaurant vorbei, aber keiner setzte sich an einen der Tische. Kein Wunder, dass die Bedienung immer unfreundlicher wurde.

Pietah sprach die ganze Zeit auf Englisch. Ich hatte damit kein Problem. Meine koreanischen Kollegen hingegen sind Germanisten und ihr Englisch ist nur rudimentär vorhanden, so dass sie einige Mühe hatten, alles zu verstehen und ich einige Male beim Übersetzen aushelfen musste. Irgendwann fragte ein Kollege ganz unvermittelt, warum wir denn auf Englisch reden würden und nicht auf Deutsch. Ich war total baff. Natürlich hatte er Recht mit seiner Frage, denn Pietah war zwar ein Gast an unserem Tisch, aber er verhielt sich wie ein Gastgeber. Er bestellte auch ganz ungeniert weiter Makkoli und andere Gerichte, denn er wurde nicht müde zu betonen, dass er heute noch gar nicht richtig getrunken und gegessen hätte. Außerdem hätte er auch heute gar nicht so viel Geld dabei (was sich als Lüge herausstellen sollte). Die Koreaner waren spätestens zu diesem Zeitpunkt mehr als verärgert und begannen sich zu rächen. Ein Kollege sprach von nun an nur noch auf Deutsch und wenn Pietah ihn etwas fragte, dann musste ich übersetzen. Völlig absurd, aber ich war zu höflich, um Nein zu sagen. Der andere Kollege fing an, etwas über die koreanischen Frauen zu erzählen, um den Engländer aus der Reserve zu locken. Und tatsächlich dachte der, dass jetzt seine große Stunde gekommen sei und er mit seinen Eroberungen prahlen müsse. Laut seiner eigenen Aussage hatte er in Japan innerhalb von sieben Jahren mit 20 Frauen geschlafen.

Anschließend wechselte Pietah das Thema und dozierte, warum die koreanische und auch die japanische Sprache irgendwann verschwinden würden (die Koreaner wechselten stumm ein paar bedeutungsvolle Blicke, blieben aber erstaunlich ruhig), warum die englische Sprache weltweit so erfolgreich sei und warum England es immer schaffen würde, oben zu bleiben. Ich hatte keine Lust mehr, diesem oberflächlichen nationalistischen Geschwafel zuzuhören. Da saß augenscheinlich jemand vor mir, der das Ende der Kolonialzeit erfolgreich verdrängt und das „Rule Britannia“ zu seinem Lebensmotto erklärt hatte.

Als wir gehen wollten, fragte einer meiner Kollegen Pietah ganz scheinheilig, ob ihm das Essen geschmeckt hätte. Dann bedankte er sich bei unserem Gast und fragte weiter, wer denn nun bezahlen würde. Pietah, der zuviel Alkohol getrunken hatte, schluckte kurz, würdigte den Koreaner keines Blickes und zog langsam seine Geldbörse hervor. Die beiden Koreaner taten so, als würden sie Pietah beschwichtigen und ihrerseits bezahlen wollen. Aber Pietah rief schon nach der Bedienung, zählte langsam die Geldscheine in ihre Hand und tat ganz generös.

Natürlich war die ganze Szene ein großes Schauspiel, eine Intrige sondergleichen, bei der die Koreaner den Engländer richtig vorgeführt hatten. Sie merkten, dass sie damit zu weit gegangen waren und luden Pietah zur 2. Runde ein. In Korea ist nach dem Essen nicht gleich Schluss, sondern man wechselt das Lokal, um dort weiter zu trinken. Pietah war einverstanden, machte aber gleich lautstark deutlich, dass er noch eine große Flasche Makkoli kaufen müsse, damit er den morgigen Unterrichtstag überstehen würde. Er tat mir plötzlich irgendwie sehr leid, dieser einsame englische Steppenwolf, der so gern Freunde hätte, aber mit seinem Verhalten die Leute auf die dümmste Art und Weise brüskiert, ohne es selbst zu bemerken.

Den Koreanern gelang es, Pietah vom Alkoholkauf abzuhalten. Wir setzten uns in ein anderes Lokal. Es war schrecklich, ansehen zu müssen, wie dem Engländer immer mehr die Gesichtszüge entglitten. Der Alkohol ließ ihn noch lauter werden und noch unkontrollierter stottern. Er wollte uns wieder sehen und bat um unsere E-Mail-Adressen bzw. Telefonnummern. Einer meiner Kollege tat ihm den Gefallen, krakelte etwas Unleserliches in Pietahs Notizbuch und verabschiedete sich schnell von uns. Ich täuschte einen Handy-Anruf vor und machte ebenfalls Anstalten zu gehen. Unsere Wege trennten sich. Zusammen mit meinem Kollegen ging ich zum Bus. Pietah wollte zur U-Bahn. Ich wünschte ihm ganz aufrichtig viel Glück und alles Gute.

Wir gingen. Er stand da und blickte uns nach. Als ich mich noch einmal umdrehte, sah ich ihn zurück in das Lokal wanken.

2 Comments:

At 29/5/06 19:38, Blogger Stefan in Korea said...

Eine köstliche Geschichte - mehr von solchen Erlebnissen!

Leider sind es gar nicht so wenige, die zunächst nervlich überfordert werden von der neuen Situation, insbesondere wenn sie als Sprachlehrer nicht an einer Schule oder einer Universität, sondern an einem der vielen Hagwons arbeiten.

Wenn man gerade mitten drin ist in den Monaten der unbequemen Phase des Kulturschocks, dabei voller Arbeitsbelastung ausgesetzt ist und kein stützendes soziales Umfeld hat, dann ist eine Flasche Makkoli möglicherweise die einzige Stütze, die einem verbleibt.

Vielleicht war er gar kein schlechter Typ, sondern einfach ein bisschen aus dem Gleichgewicht.

 
At 30/5/06 20:58, Blogger sca said...

Ja, dumm war er nicht. Er war nur sehr laut und irgendwie eine ziemlich traurige Gestalt.

 

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