30.5.06

T.N.B.B.B.

Mit hochrotem japsenden Gesicht tauche ich eben gerade unter meinem Schreibtisch auf und erklimme wieder meinen Stuhl. In meinem Anfängerkurs hatte ich als Hausaufgabe aufgegeben, daß die Studenten kurz (!) über ihr Wochenende berichten. Sie sollten den Perfekt dabei verwenden mit den richtigen Partizipialformen und den Hilfsverben "haben" oder "sein". Auch den Textumfang von fünf Sätzen gab ich vor und den Einsendeschluß per E-Mail bis Dienstagabend.

Womit ich nicht gerechnet hatte, waren Studentinnen, die mir am Samstagabend bereits ihre Texte schickten (da war das Wochenende noch gar nicht vorbei, sondern hatte gerade erst angefangen - zumindest für mich) und mit einem hobbyschriftstellernden Studenten, der bis ins kleinste Detail beschreibt, was er den ganzen Tag so macht. Naturalismus at its best.

Bei solchen Sachen stehe ich immer vor der moralischen Frage: Darf ich das überhaupt veröffentlichen? Liefere ich den armen Studenten nicht dem Gespött der Weltöffentlichkeit aus? Ist das gestattet? Schwierig. Andererseits will ich damit keine Leute vorführen und lächerlich machen, sondern zeigen, mit welchem Feuereifer und welcher Leidenschaft hier gelernt und studiert wird. Da könnte sich manch anderer Student eine Scheibe von abschneiden.

Und hiiiiiiiiieeeeeeeer, Seoulpower proudly presents, The Next Big Blogger Boy (T.N.B.B.B.)... (Vorhang auf!)

"Mein Wochenende" von X

Samstag:
Morgen 8 Uhr bin ich aufgestanden und zur Uni gegangen.
Um 10 Uhr habe ich Deutsch mit Freunden zusammen gearbeitet.
Um 12 Uhr habe ich zu Mittag gegessen.
Zwischen 13 und 14 Uhr habe ich Englisch studiert.
Um 14 Uhr habe ich Teakkyun(traditionelles Taekwondo) mit Senioren gemacht.
Gegen 5 Uhr habe ich das Training beendet.
Ich habe ein Buch gelesen, dann bin ich nach Hause gegangen,
eine Unterricht zu machen.
Von 21 Uhr bis 23 Uhr habe ich einem Sch?er Englisch gelernt.
Dann habe ich geduscht und im Internet gesurft.
Nach Mitternacht bin ich eingeschlafen.

Sonntag:
Morgen 10 Uhr habe ich den Tag angefangen.
Denn mein Sch?er hat mich angerufen, der Termin der Unterricht zu
entscheiden.
Ich habe dem Sch?er geantwortet und habe ihm gefragt "Hast du schon Wort
?ungen gearbeitet?" Da hat er gesagt, "Ja, Ich habe gearbeitet. Aber ich
wollte es aufgeh?t haben."
Nach dem Gespr?h habe ich ein Glas Milch aufgemacht und getrunken.
Dann habe ich meinen Tisch aufger?mt.
Um 11 Uhr bin ich noch eingeschlafen.
Am Mittag bin ich wieder aufgestanden.
Dann habe ich meinem Hund Futter ausgegeben, weil er hungrig ausgesehen
hat.
Um 13 Uhr habe ich gebadet.
Nach dem Bad hat meine Nichte ein Spielzeug wollen.
Deshalb habe ich eines aus dem Holz gebaut. Da hat sie beantwortet, "Ich
liebe Onkel!"
Das hat mir eine Freude bedeutet. Ich habe einen Erfolg bekommen.
Dann habe ich Aufgaben beschrieben.
Und ich habe eine Musik CD im Internet bestellt.
Um 15 Uhr habe ich ins Restaurant besucht.
Ich habe einen St?k des K?ekuchen gegessen.
Und ich habe eine Tasse Kaffee getrunken, weil ich einen Freund um 16 Uhr
getroffen haben wollte.
Also ich habe dort eine Stunde geblieben.
Ich habe ihn f? eine Aufgabe gebraucht.
Viertel nach 16 Uhr ist er angekommen.
Er hat aber seine Freundin mitgebracht.
Seitdem haben wir ?er die Aufgabe bis zu Abendessen diskutiert.
Gegen 18 Uhr haben wir getrennt bezahlt und verabschiedet.

Obwohl ich ueber mein Wochenende mehr gesagt haben wollte, habe ich kein
Zeit gehabt.
Dann ist das alles.
Bis Mitwoch.
Viele Gruesse.
Ich bin so froh, solche Studenten zu haben. Die, die durch die dunklen Wälder steigen und die steinigen Höhen der deutschen Sprache erklimmen. Kämpfen. Und siegen.

Allerdings gibt mir der Satz am Ende des Textes zu denken, daß dieser Student mehr sagen wollte, aber keine Zeit hatte. Ich denke mit Schrecken an die langen Sommerferien... Wenn die Studenten vielleicht etwas mehr Zeit haben... Zeit zum Schreiben... Was dann? Was kommt als nächstes?

2 Comments:

At 3/6/06 18:55, Anonymous Anonym said...

Na, da hast du noch viel zu tun!
Aber ich möchte es nicht machen, denn manch Deutscher erlernt in X Jahren seine Sprache nicht richtig.

A.+P.

 
At 4/6/06 00:11, Blogger sca said...

Ich wiederhole mich, aber ich finde es einfach großartig, wie die Studenten sich abmühen, die deutsche Sprache zu erlernen. Manche Koreaner werden vielleicht nie in ihrem Leben nach Deutschland kommen. Deshalb ist dieser Eifer, den sie an den Tag legen, so bewundernswert. Sie lernen die Sprache z. T. nicht, um sie praktisch zu verwenden, sondern um einen guten Studienabschluß zu bauen. Deswegen schätze ich es sehr hoch ein, wenn ein Student statt der geforderten 5-10 Sätze 30 oder 50 schreibt.

 

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