27.5.06

Zufall und Routine

Kein Tag ist hier wie der andere. Es gibt keine Routine, also sitze ich - bildlich gesprochen - an einem riesigen Roulettetisch und weiß nicht, welche Zahl als nächstes kommt. Ständig ist etwas los. Man trifft auf Leute, die man sonst nie in seinem Leben getroffen hätte. Und Kollege Zufall mischt sich ab und zu ein und gibt den Dingen eine unerwartete Wendung.

So geschehen, als ich Joseph in einem Koreanisch-Kurs sitzen sah, den ich wenige Tage auf einem Foto in einem Blog gesehen hatte. Natürlich sprach ich ihn darauf an und er lud mich ein, einfach mitzukommen und den verantwortlichen Blogger (auch ein Stefan) kennenzulernen. Joseph spricht einen starken texanischen Akzent, der vollste Konzentration beim Zuhören erfordert. Ein netter Typ, der unvermittelt Sätze heraushaut, über die man lacht, weil man sie nicht erwartet hat. Wir fuhren in die - ebenfalls in diesem Blogpost erwähnte Kneipe - eine schaurig-schöne Katakombe mit lauter Rockmemorabilia, die man in solcher Gestalt vielleicht in Berlin-Friedrichshain erwartet hätte, aber nicht im schicken Seoul, wo die Inneneinrichtung oft teurer aussieht als das Gebäude von außen. Stefan war jedenfalls derjenige, der sozusagen mit seiner Kamera den Auslöser betätigte und damit die ganze Sache ins Rollen brachte. Ein sehr angenehmer Mensch, der an diesem Abend viel über Land und Leute erzählen konnte.

Überhaupt finde ich es bemerkenswert, wie viele Leute man allein über das Bloggen kennenlernt. Obwohl ich im Vorfeld wenig Werbung für mein Blog gemacht habe und anfangs nur der engere Freundes- und Familienkreis davon wußte, spricht sich "Seoulpower" langsam aber sicher herum. Ich sehe es an den E-Mails und Kommentaren. Das motiviert mich, weiterzumachen.

Sich von den Zufällen des Lebens treiben zu lassen heißt aber auch, mit den täglichen Überraschungen fertig zu werden. Da nichts sicher ist, ist auch nichts von Dauer. Alles, was erlebt wird, hat eine gewisse Beliebigkeit. Man erreicht sehr schnell einen Zustand geistiger Ruhelosigkeit, wenn man sich längere Zeit im Ausland aufhält. Die Tage verlangen ein hohes Maß an Aufmerksamkeit, viel mehr als in Deutschland, weil man sich in vielen Situationen zurechtfinden muß, die ohne die bestehende Sprachbarriere einfacher zu bewältigen wären. Die Zeit zum Ordnen des Erlebten fehlt daher oft, weil man einen großen Teil mit der Orientierung beschäftigt ist. Es fällt mir teilweise schwer, mich an die Ereignisse der letzten oder vorletzten Woche zu erinnern, weil die Masse an Eindrücken schwer zu bewältigen ist. Nun bin ich zwar erst seit drei Monaten hier, aber diese relativ kurze Zeitspanne erscheint mir wie eine Ewigkeit.

Wie gut, daß es so etwas wie Blogs gibt, um das eigene Leben (wenigstens in winzigen Ausschnitten) aufzubewahren. Früher sagte man dazu Tagebuch.

2 Comments:

At 28/5/06 17:01, Blogger Song said...

In fact, I came across to your blog through "Stefan in Korea".
I know dozens of English blogs, written by English native speakers who are mostly working in Korea as English teachers. But none of them attracted me so far.
In contrast, I spent several days to read through the articles on "Stefan in Korea", and another few days to read through your blog. It's quite interesting to see how your perspective differs from those of the English native speakers. (Well... and probably another pleasure I have is reading something else besides English.)
Btw, how long are you supposed to stay in Korea?

 
At 28/5/06 17:43, Blogger sca said...

Danke.

Zu deiner Frage: Tja, das hängt von vielen Dingen ab. Mein Arbeitsvertrag läuft noch bis Februar 2007. Ich habe die Möglichkeit, diesen Vertrag zu verlängern...

Abwarten und Tee trinken. ;-)

 

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