20.6.06

Regennacht

Irgendwann wachst du nachts auf. Es ist die Hitze, die nicht nachläßt. Das Fenster ist weit geöffnet und du hörst die Geräusche von der Straße, die nie zur Ruhe kommt. Draußen rauscht unaufhörlich der Regen. Er macht dich taub.

Es ist die Stunde zwischen tiefster Nacht und Morgengrauen. Du wälzt dich auf deinem Bett herum. Zu müde, um aufzustehen. Zu wach, um wieder einzuschlafen. Ein Fluß von Gedanken setzt ein, der nicht zu stoppen ist und aus dem ständig neue Bilder auftauchen. Du denkst an die Orte, an denen du viele Jahre zuvor warst.

Die eine Stadt an der Ostsee. Das Meerwasser im Sommer. Jeden Tag sieht die Oberfläche anders aus. Du gehst schwimmen. Sorglose Trägheit, mit der man stundenlang in die Ferne starrt. Auf vermeintliche Bohrinseln am Horizont (und die endlosen Diskussionen darüber). Nächte am Strand. Admirals-Pils von der Tankstelle. Der kühlende Fahrtwind auf der Fahrt zurück, wenn du keine Kraft mehr hast von dem schnellen Ritt auf dem Drahtesel und trotzdem nach vorn trittst. Auf unbeleuchteten Straßen entlang, auf denen sich dann und wann ein Auto in das nächste Dorf pirscht. Immer vorwärts. Wie es sich anfühlt, durch den Regen zu fahren und dabei vollständig aufzuweichen.

Die andere Stadt an der Ostsee. Allein in der Fremde, manchmal einsam, manchmal in großen Gruppen palavernd. Nächte, in denen du an einem winzigen Hafen sitzt, nicht müde wirst beim Debattieren und seltsame Gestalten triffst. Zeit der Unschuld, in der alles möglich war. Die ewigen Wintermonate, die den Glauben an den Sommer erschüttern. Dann der Sommer und das Gefühl, daß letzten Endes sich immer alles zum Guten wendet. Das Unglück danach, wenige Wochen und Kilometer von dieser Stadt entfernt, die du verlassen hattest.

Nichts davon ist wahr. Alles davon ist passiert. Die Erinnerungen machen dich schläfrig. Wo du jetzt bist, ist gleichgültig. Der Regen rauscht. Unaufhörlich. Dein Zimmer in Seoul liegt für einen Moment an der Ostsee.

1 Comments:

At 23/6/06 03:45, Anonymous Karo said...

Hey, wirklich toller Blog. Ich les ihn immer sehr gerne. Dieser Eintrag ist dabei richtig richtig toll geworden und meine ineere Stimme sagt mir gerade: Fahr mal wieder an die Ostsee. :) Wenn man in Rostock wohnt, ist das ja nicht so ein großes Problem.
Viele Grüße nach Seoul, die Berichte von deinen Erfahrunge mit den Studenten sind immer sehr interessant. ;)

 

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