24.9.06

Tagebuch in Seoul

Seit einigen Monaten beschäftige ich mich mit den vielfältigen Möglichkeiten, wie man die sogenannten "Neuen Medien" in den universitären Deutschunterricht einbeziehen kann. Da ich selbst seit einem halben Jahr aktiv blogge (und bereits im Jahr 2005 ein temporär ausgerichtetes Blog führte, das mittlerweile gelöscht worden ist), war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis ich auf die Idee kam, ein Weblog für einen meiner Sprachkurse einzurichten. Die Idee ist nicht neu und es gibt wohl auch etliche (gelungene) Versuche, Blogs im bzw. neben dem Fremdsprachenunterricht einzusetzen. Mein Wunsch ist es nun, selbst so ein Projekt in Angriff zu nehmen und dabei einige Aspekte etwas genauer zu untersuchen.

In diesem Semester biete ich für fortgeschrittene Studenten einen Kurs zur "Schriftlichen Kommunikation" an. Es geht dabei um Alltagskommunikation (Brief, E-Mail), um journalistische (Nachricht, Kommentar) sowie wissenschaftliche Formen (Zusammenfassung von Texten, Techniken wissenschaftlichen Arbeitens). Den theoretischen Teil beschränke ich dabei auf ein absolutes Minimum zugunsten der freien Textproduktion.

Das Weblog dient dabei als interaktive Verlängerung des Kursangebots. Es wird Übungen, Materialien und sogenannte "Schreibanlässe" geben, über die bzw. zu denen sich die Teilnehmer schriftlich äußern sollen.

Folgende Punkte interessieren mich besonders:

  • Wie erledige ich die administrativen Aufgaben? Wie richte ich für mehrere Kursteilnehmer ein Weblog ein, indem man im Team schreiben kann? Hier erwies sich die sehr einfache und benutzerfreundliche Schnittstelle von blogger als ungemein hilfreich. Man kann von webbasierten Diensten halten, was man will - die Vorteile hierbei liegen klar auf der Hand: ständige Erreichbarkeit und Verfügbarkeit für die Textproduktion, wenig technisches Verständnis wird vorausgesetzt Abzuwarten bleibt, wie sich die weitere Verwaltung des Weblogs gestaltet. Schwachpunkte sehe ich dabei im Augenblick bei der Kommentarfunktion (Vermeidung von Spam-Einträgen) und dem Redigieren der eingesandten Texte.
  • Wie gelingt es, auf längere Sicht Inhalte zu schaffen, die die Lerner interessieren und zur Mitarbeit anregen? Die Schwierigkeit, mit der jeder Betreiber eines Blogs irgendwann einmal zu kämpfen hat, ist und bleibt nun mal die Textproduktion. Jeder, der öfter als einmal pro Woche einen längeren Text schreibt, kennt die sogenannte "Angst vor dem weißen Blatt Papier". Sehr viele Blogs starten gleich voll durch. Die Autoren schreiben in der ersten Woche jeden Tag einen langen Artikel etwas, danach jede Woche einmal eine kürzere Meldung und später einmal im Jahr einige dürre Zeilen. Das Schicksal vieler Blogs endet dann so: Sie werden nicht mehr regelmäßig gepflegt. Andererseits bringen die Autoren aber entweder nicht den Mut oder nicht die Lust auf, ihr Blog zu löschen. Bei dem Generieren von Inhalten kommt das pikante Detail hinzu, dass ich für Fremdsprachenlerner Schreibanlässe liefern möchte. Was in der Muttersprache leicht ausgedrückt werden kann, muss auf einen einfachen Kern eingeschmolzen werden. Das Spielerische, mit der ich hier auf "Seoul Power" bestimmte Themen angehen kann, wird der ständigen Frage nach der Verständlichkeit des Wortschatzes weichen müssen. Insofern verschwindet beim Abfassen meiner Texte dort das kreative Element und macht einem eher zweckrationalem sprachlichem Denken Platz, was aber vielleicht durch die Einsendungen der Studenten kompensiert werden kann, die sich selbst neue sprachliche Räume erschließen und im besten Falle eingefahrene schriftliche Strukturen des Deutschen aufbrechen. Das bleibt allerdings abzuwarten, aber diese starke Hoffnung habe ich.
  • Schließlich geht es um die Frage, inwieweit das Projekt von der studentischen Seite angenommen wird. Das allergrößte Problem sehe ich in der Überwindung von persönlichen Hemmungen, die bei jedem Lerner unterschiedlich hoch ausgeprägt sind. Das Schreiben in einer Fremdsprache birgt immer die Gefahr, sich lächerlich zu machen. Die Annahme, dass das Lernen einer Fremdsprache auch immer mit vielen Fehlern verbunden ist, wobei das sture Auswendiglernen manchmal nicht weiterhilft, sollte jedem Studenten eigentlich bekannt sein. Trotzdem stoße ich oft auf eine Mauer des Schweigens, wenn ich eigentlich Fragen oder eine Bitte um Hilfe erwarte. Das beruht in erster Linie auf der irrigen Annahme, es sei besser, gar nichts zu sagen, als einen Fehler zu machen und sich vor seinen Kommilitonen zu blamieren. Insofern soll das Weblog - Vorsicht, Metapher - eine Art Rammbock gegen diese Mauer des Schweigens sein und die Teilnehmer ermuntern, frei und ungezwungen zu formulieren. Ohne Rücksicht auf Fehler Deswegen werde ich auch andere Maßstäbe bei der Fehleranalyse und Leistungsbeurteilung (in Form der Zwischen- und Abschlußprüfung) anlegen müssen als in meinen anderen Sprachkursen.

Was ich erwarte, sind Texte, die nicht unbedingt grammatikalisch und stilistisch perfekt sind, sondern einen unverkrampften Umgang mit der Fremdsprache erkennen lassen. Wichtiger als das Ergebnis ist die Idee. Schöner als das Argument ist die Fantasie. In diesem Sinne freue ich mich auf das gerade begonnene Semester, dass viel Arbeit bringen wird und mein persönliches Wissen anwachsen lässt, was beim Einsatz "Neuer Medien" im Unterricht geht und was nicht.

Das Projekt in seiner Entstehungsphase kann seit Ende dieser Woche an dieser Stelle mitverfolgt werden. Ich würde mich freuen, wenn die eine oder der andere, die/der hier regelmäßig liest und kommentiert, sich auch mal das "Tagebuch in Seoul"-Blog zu Gemüte führt.

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