22.10.06

Fünf Patronenhülsen

Am 1. Oktober starb Frank Beyer, einer der herausragendsten DEFA-Regisseure. Die "SuperIllu", die ich zwar nicht lese, deren DVD-Beilagen ich jedoch sammle (dafür ein längst überfälliges Dankeschön an die Hohenschönhausener!), hat seit einiger Zeit einen interessanten Deal mit der Icestorm Entertainment GmbH geschlossen und veröffentlicht einige auch heute noch sehr sehenswerte DEFA-Spielfilme. Darunter befinden sich Filme von Frank Beyer, z.B. "Spur der Steine", "Karbid und Sauerampfer" und "Fünf Patronenhülsen". Um den letztgenannten Streifen soll es heute gehen.

Über den Inhalt des Films und die historischen Hintergründe kann man sich anderswo besser informieren. Mir geht es um die Aktualität des filmischen Szenarios und die Motivationen der handelnden Personen. Ich behaupte, dass dieser Film auf eine andere Weise aktueller und näher an den historischen Ereignissen dran ist, als das Hollywoodkino mit seinen verkitschten Filmen wie "Pearl Harbour" oder "Der Soldat James Ryan".

Auf den ersten flüchtigen Blick erzählt Frank Beyer eine konventionelle Geschichte. Ein Himmelfahrtskommando aus (anfangs sieben, später fünf) Interbrigadisten soll den Rückzug der republikanischen Armee im Spanischen Bürgerkrieg sichern und gerät dabei an wichtige Aufmarschpläne der gegnerischen faschistisch-nationalistischen Truppen. Diese Pläne werden in fünf Patronenhülsen (daher der Name) versteckt und sollen zum Stab der Republikaner gebracht werden. Bis hierhin folgt der Film klassischen Erzählmustern.

Was dann beginnt, ist ein Höllentrip, der die Beteiligten an den Rand des physischen Kollapses führt. Wasser ist ein knappes Gut in der sengenden Hitze der spanischen Bergwelt und dieser permanente Mangel stellt die Gemeinschaft immer wieder auf harte Proben. Das geht so weit, dass diejenigen, die sich der Gruppendisziplin widersetzen und persönliche Ziele verfolgen, sterben müssen. Armin Müller-Stahl, der einen französischen Soldaten spielt, bezahlt seine Gier nach Wasser mit dem Leben. Die Symbolik des Wassers als lebensspendendes und -erhaltendes Element wird hier in sein Gegenteil verkehrt. Wasser bedeutet Tod. Und wer seinen Durst nicht bezwingen kann, muss sterben.

Das ewige Dilemma, wann man als Mensch persönlich zurückzustecken hat, um sich einer Gemeinschaft unterzuordnen, ist eine immer noch aktuelle Frage. Für die libertäre individualisierte westliche Kultur stellt sich diese Frage nur in Ausnahmefällen, nämlich dann, wenn sie mit anderen Auffassungen kollidiert. Die einen nennen es volle Entfaltung der persönlichen Freiheit, die anderen nennen es Egoismus. Die Wertedebatten zwischen Christentum und Islam bzw. Europa/Nordamerika auf der einen und Asien auf der anderen Seite, die zur Zeit stattfinden, beweisen nur, wie wichtig solche Themen immer noch sind. Mittlerweile ist es angesichts der immer breiteren Kluft zwischen den sozialen Schichten kaum noch vorstellbar, dass es eine Zeit in Europa gab, wo die gesellschaftlichen Vorstellungen einmal anders verortet waren.

Selbst die in diesem Film gezeigte kommunistische Moral des Zusammenhaltens bekommt in verschiedenen Szenen spürbare Risse. Wenn es um die eigene Existenz geht, vergisst man seine Ideale. Der Lebenserhaltungstrieb ist immer noch stärker als jede menschliche Idee, für die es sich im Grunde niemals lohnt zu sterben. Hier machte Frank Beyer eindeutig Zugeständnisse an die Filmzensur, die es in der DDR gab, wenn er die Gruppendynamik auf ein überschaubares Restrisiko eindampft. Wie die Darsteller in seinem Film ordnet sich auch der Regisseur im wirklichen Leben unter, um weiterhin Filme machen zu dürfen. Das klingt vom Tonfall und in der sprachlichen Intention in Frank Beyers fünf Jahre später gedrehtem Film "Spur der Steine" dann deutlich anders. Die Idee der Gemeinschaft und des Gemeinwohls stößt in der real-sozialistischen Gegenwart und Arbeitswirklichkeit auf heftigen Widerspruch, der von der Staats- und Parteiführung der DDR nicht ungesühnt bleibt: Der Film wird nach zwei Tagen verboten. Der Regisseur darf nicht mehr für die DEFA arbeiten.

Ich weiss nicht, inwieweit 1960 (das Jahr, in dem der Film "Fünf Patronenhülsen" entstand) schon klar war, wie die persönlichen Karrieren der Schauspieler sich weiter entwickeln würden. Bei der Besetzung der Figuren gab es allerdings schon einige interessante Weichenstellungen. So als würde die Künstlichkeit des Films die Biographien der Darsteller schon vorwegnehmen. Mir fiel z.B. auf, dass Armin Müller-Stahl (ebenjener Franzose im Film, der angesichts eines Trinkwasserbrunnens schwach wird) spätestens mit seiner Unterschrift unter die Biermann-Petition sich gegen den sozialistischen Kulturbetrieb auflehnt und schließlich in den Westen ausreisen darf. Ganz ähnlich verläuft die Sache bei Manfred Krug, der im Film den Polen Oleg spielt, der ziemlich am Ende des Films auch den Gemeinschaftsgedanken kritisiert und im wirklichen Leben fast zeitgleich wie Armin Müller-Stahl in den Westen Deutschlands geht.

Dagegen bleibt Ulrich Thein, der im Film einen spanischen Republikaner verkörpert und stets das Banner der gemeinsamen Sache hoch hält, in der DDR als anerkannter Schauspieler tätig und hat eher Schwierigkeiten mit den neuen Verhältnissen im deutsch-deutschen Kulturbetrieb nach der Wiedervereinigung. 1991 tritt er aus der gesamtdeutschen Akademie der Künste aus.

Ernst Busch schließlich, der zwar nicht mitspielte, aber das Titellied des Films singt, nimmt die Sonderrolle eines unbeugsamen Kritikers ein, der sein Land nicht verlassen wollte, aber sich auch nicht mit der Führung der DDR arrangieren konnte. Der Weg, den er wählte, war die innere Emigration, der völlige Rückzug aus dem Beruf des Schauspielers, als die Gängelei und Reglementierung durch die Zensurbehörden und die Partei in hohem Maße zunahmen.

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