29.10.06

Mein Radar

Ich bin wirklich kein unhöflicher Mensch. Aber in Korea stoße ich an meine Grenzen, denn ich fühle mich schuldig für etwas, wofür ich im Grunde wegen meiner körperlichen Beschaffenheit gar nichts kann, aber mir selbst einrede, nicht korrekt zu handeln, weil ich es einfach übersehe.

"Es" einfach übersehen. Diese Wortgruppe trifft es ganz gut. Mit "es" sind die netten bekannten und unbekannten koreanischen Gesichter gemeint, die mir zuwinken, oder "Hallo" rufen oder auch mal leicht irritiert "Herr Carl" schreien. Und das zu Recht! Ich laufe schnurstracks an den Leuten vorbei, ohne sie wahrzunehmen, was vielleicht als Unhöflichkeit oder Arroganz ausgelegt wird. Dabei bin ich gar nicht so. Ich grüße selbst, wenn ich in ein Restaurant oder einen Laden gehe und die Bedienung nicht zurückgrüßt. Das ist mir egal.

Die Ursache für mein vermeintlich unhöfliches Verhalten ist am ehesten in meiner Körpergröße zu suchen. Unter all den kleinen Koreanern fühle ich mich wie ein amerikanischer NBA-Spieler, der aufpassen muss, nicht jemanden umzurennen oder ihm/ihr auf die Füße zu latschen. Ein Spaziergang durch Seoul wird deshalb schnell stressig für mich und ich vermeide es, allein durch Straßen mit tausenden herumwuselnden Menschen zu gehen. Und solche Straßen sind hier leider die Regel, nicht die Ausnahme. Ein kleines Bild mag die Unterschiede in der Laufrichtung verdeutlichen.
Insa-Dong ist in dieser Hinsicht eine gaaanz gefährliche Gegend und ich gehe da auch nur mit Leuten hin, die ähnlich hoch gebaut sind wie ich. Noch schlimmer ist Myong-Dong, denn da liegt der Altersdurchschnitt bei schätzungsweise 20 Jahren und junge Leute sind noch agiler und sprunghafter in ihren Bewegungsabsichten. Da ist nicht mehr berechenbar, wer wo gerade hinlaufen will, woher plötzlich diese kleinen wendigen Motorradfahrer auf dem Bürgersteig auftauchen oder ob nicht eine Kinderhorde, "miguk saram" ("Amerika-Mensch", Amerikaner) bläkend, den nahe vor dem physischen Overkill stehenden Europäer umkreist.

Führen wir uns zur Auflösung des Phänomens kurz die anatomischen Beschaffenheiten vor Augen, die zu so vielen Missverständnissen führen kann. Folgende Skizze, die ich in mühseliger halbstündiger Handarbeit am PC malte, soll diese schwierige Situation zwischen Ausländern und Koreanern verdeutlichen:

Mein Radar reicht einfach nicht so weit in die Tiefe. Gern tauchen die Koreaner immer erst zwanzig Zentimeter vor meinem Körper entfernt auf und winken wie die Wahnsinnigen, um meine Aufmerksamkeit (und meinen Gruß zurück) zu erhaschen. Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge haben Männer aus evolutionsgeschichtlichen Gründen ja auch einen ausgeprägten Fernblick, den sie in der menschlichen Frühzeit bei der Jagd gut gebrauchen konnten. Ich habe bei mir selbst beobachtet, dass diese These absolut richtig ist. Einzelne Personen ab 5 Meter Distanz kann ich wunderbar unterscheiden und nach bekannt (Kopfnicken als Begrüßung) oder unbekannt (keine körperliche Reaktion) einteilen.

Was aber erlebe ich in Korea? Menschentrauben! Menschenmassen! Gruppen in Versammlungsgrößen, die an mir vorbeilaufen! Kleine Demonstrationszüge, in denen ich zwar einzelne Gesichter ausmachen kann, die ich eventuell vielleicht wahrscheinlich irgendwo irgendwann irgendwie schon mal gesehen habe und die mich freundlich anlächeln, die ich aber aufgrund der entgegengesetzten Laufrichtung gar nicht so schnell in bekannt und unbekannt einteilen kann. Grüßen wird da regelmäßig zum Glücksspiel für mich.

Seit einiger Zeit beobachte ich außerdem, dass ich anfange, wildfremde Menschen zu grüßen, einfach deshalb, um nicht in die peinliche Situation zu geraten, ein bekanntes Gesicht zu übersehen.

Liebe Koreaner, die ihr meine Worte lest: Nehmt es mir bitte nicht krumm, wenn ich euch übersehe. Ich mache das nicht absichtlich, sondern ich fühle mich richtig gestresst und bin immer angestrengt darauf bedacht, alle Leute freundlich zurückzugrüßen. Deshalb habe ich manchmal auch so eine ernste Miene, da ich voll konzentriert jedes Detail in meiner Umgebung auf bekannt oder unbekannt überprüfe. (Meine Freundin nennt es "einen entspannten Gesichtsausdruck haben".) Ihr Koreaner, ihr habt es da leichter, denn einen Ausländer erkennt ihr schon auf 500 Meter Distanz und habt deshalb genug Zeit, euch einen Gruß zu überlegen.

Übrigens begrüßt man sich in Korea natürlich nicht durch einfaches Kopfnicken (zu kühl, zu minimalistisch, zu deutsch), sondern durch aufgeregtes hektisches Gewinke. Das gilt allerdings nur für gute Freunde oder zwischen (von ihrem Sozialstatus her) gleichgestellten Personen (am häufigsten allerdings bei jungen Frauen). Bei einem Professor wird sich der Student immer leicht verbeugen. Ich beobachte beim Grüßen beide Varianten. Während die Damen mir auf dem Campus zuwinken, wenn ich sie denn nicht gerade wieder übersehe, verbeugen sich die Herren der Schöpfung leicht. Wenn ich Zeit hätte, könnte ich jetzt weiter darüber nachdenken, ob das Winken als Erfolg zu werten ist (Integration, Kontaktanbahnung) oder ob nicht eher die männliche Verbeugung meinem Status als angemessenere Grußgeste zu werten ist...

Aber Zeit...

Wer hat in Korea schon Zeit für lange Erörterungen?

2 Comments:

At 29/10/06 23:38, Blogger Term Shon said...

hahaha... dieser Beitrag ist luschtig!
Ich bin zwar net klein, bin genau 1.80 m gross. Und mir ist es mittlerweile wurscht, ob ich leute anremple. Ich lasse mich nicht von einer Mauer hübscher Onis (Schwesterchens) weichen. ich meine, wer bin ich denn? Ich gehe einfach schnurstracks geradeaus. Es ist manchmal wirklich wie ein Bowlingspiel.

Aber wie gross bist du Carl? Carl der grosse? ;-)

 
At 3/11/06 23:17, Blogger sca said...

Klaro!

 

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