10.11.06

Heißer Sommer

1968, die Mauer in Deutschland war noch keine sieben Jahre alt, kam ein Film in die Kinos der DDR, der sich zu einer Art sozialistischem Kultfilm entwickeln sollte. Der DEFA-Streifen "Heißer Sommer" ist die kleine Flucht in die privaten Nischen (Urlaub, Musik, Tanz), auf die der Staat wenig oder keinen Einfluss hatte. Weit weg von den Spannungen des Kalten Krieges und den Mühen des Arbeitsalltags versprüht der Film in seinen 91 Minuten das "Frösi"-Feeling.

Natürlich sieht man recht deutlich die Vorgaben und Anpassungen an die real existierende deutsche demokratische Filmzensur. Die jungen Darsteller sind alle nett anzusehen, Exzesse (abgesehen von einem harmlos-heimlichen Treffen der Jugendgruppe am Lagerfeuer) kommen nicht vor und am Ende siegt - wenn auch nicht ganz eindeutig - die Moral über das Lebensgefühl. So ensteht eine heile Welt, die keinem wehtut.

Die Story: Reden wir besser nicht drüber... Die erste halbe Stunde scheint noch alles dramaturgisch im Lot zu sein. 11 Mädels und 10 Burschen fahren an die Ostsee. Dort angekommen, wird der kleine Ort gefühlsmäßig gründlich durcheinandergewirbelt. Insbesondere die Jungen tun sich durch spätpubertäre Streiche hervor. Doch mit dem Abfilmen von Sommer, Sonne und Strand bleibt die Geschichte auf der Strecke. Das Kamerateam verwendet mehr Energie darauf, die Jugendlichen bei ihren Balzritualen zu zeigen, als die Handlung irgendwie voranzutreiben. Wilde Tanz- und Gesangseinlagen wechseln einander ab.

Diese Nummernrevue hat durchaus ihren Reiz, auch wenn es stellenweise mehr als albern aussieht, wenn junge Menschen am Strand übereinander springen und sich im Kreis drehen. Die Komik entsteht unfreiwillig, wenn plötzlich aus einem ernsten Gespräch heraus fröhlich getanzt wird. Deshalb wage ich die Prognose, dass man den Film "Heißer Sommer" auch noch in zehn oder zwanzig Jahren in irgendwelchen ostdeutschen Camping- oder Freiluftkinos zu sehen bekommt, weil er in mancherlei Hinsicht eine absurde Art von Humor aufweist und man dann über andere Sachen lacht, als zur Zeit seiner Premiere.

Trotzdem müssen sich die singenden Schauspieler oder schauspielernden Sänger nicht hinter ihren Leistungen verstecken. Natürlich sind die Schlagertexte banal. Als Beispiel zitiere ich nur den Refrain des Titellieds:
Heißer Sommer in diesem Jahr
ist ein heißer Sommer wie wunderbar...
Dessen ungeachtet haben einzelne Lieder durchaus das Zeug zu Ohrwürmern. Mir ging es jedenfalls so. Das liegt mit Sicherheit an dem lausbübischem Charme von Schlagersänger Frank Schöbel, der hier in seiner zweiten Filmrolle zu sehen ist und an der überaus sympathischen und energiegeladenen Chris Doerk, die irgendwie nicht zueinander finden, obwohl nicht zu übersehen ist, dass sie das ideale Pärchen abgeben. Im wahren Leben fanden die beiden tatsächlich zusammen und waren einige Jahre verheiratet.

Es stimmt übrigens nicht, dass Chris Doerk in diesem Film die weibliche Hauptrolle spielt. Ihre weibliche Gegenspielerin Brit, die die wesentlich attraktivere Regine Albrecht verkörpert, verdreht den Männern gehörig den Kopf. Ihr Frauenbild entspricht so gar nicht den Moralvorstellungen der damaligen Zeit.

Wer diesen Film nicht sehen sollte: ausgesprochene Musical-Hasser.

Wer diesen Film sehen sollte: alle anderen, insbesondere Fans von Filmen mit Musik und Tanz.

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