25.2.07

Bericht von einem öffentlichen Jungbrunnen

Wanderer, kommst du nach Seoul, dann vergiss nicht, wie alt du bist.
Eine hierarchisches Einordnung erfährt man in Korea vor allem über das Alter. Ganz im Sinne der koreanischen Denkweise, einer sozialen Gruppe anzugehören, verhält es sich auch mit dem Gedanken, sich altersgerecht in die Gesellschaft einzufügen. Der Freundes- und Bekanntenkreis ist dem eigenen Alter ähnlich. Unterschiede von mehr als zehn Jahren zwischen zwei Menschen gelten als Seltenheit.

So findet ein jedes Milieu auch aus Altersgründen seinen eigenen Bezirk in Seoul. In Myongdong schlägt das jugendliche Herz der Stadt. Wer älter als 25 Jahr ist, fühlt sich dort manchmal schon sehr alt.

In Jongro-gu bin ich dagegen innerhalb von zehn Minuten um gefühlte 50 Jahre gealtert. Ich kam an einem Park vorbei, aus dem laute Trommel- und Schellenklänge bis zur lauten Hauptstraße herüber drangen. Neugierig ging ich immer weiter in Richtung Musik.

Die erste Gruppe, die ich sah, wurde von einer Frau angeführt. Sie war Mitte 60, in der Hand hielt sie ein Mikrofon, in das sie laut sang. Um sie herum tanzten Männer, die ungefähr in ihrem Alter waren. Aha, eine Tanzveranstaltung. Ich ließ meinen Blick weiter schweifen und entdeckte noch mehr Menschen, die grüppchenweise musizierten und zusammen im Park tanzten. Der Alterungsprozess setzte langsam bei mir ein.

Staunend ging ich immer weiter in den Park hinein. Bei der größten Tanzgruppe, an der ich vorbeiging, war nicht ganz klar, wer nur Zuschauer und wer aktiver Tänzer war. Jeder machte irgendwie mit. Wer nicht mehr so gut zu Fuß war, klatschte eben in die Hände oder wackelte mit dem Kopf. Auch hier wurden die Tänzer von Musikern begleitet.

Um dieses Bild zu machen, musste ich die Kamera über den Kopf halten und abdrücken, weil der innere Tanzkreis von einer Menge Zuschauer umgeben war. Die Koreaner waren zwischen 60-90 Jahre alt.

Ich fragte meine Begleitung, was das alles darstellen solle.

- "Das ist ein Treffpunkt für Senioren."

- "Ja, das sehe ich auch. Und warum?"

- "Guck sie dir mal genauer an."

Ich guckte. Nichts deutete auf irgendwelche Besonderheiten hin. Die Menschen waren durchschnittlich gut gekleidet. Sie hatten alle einen leicht enthemmten Glanz in den Augen. Sie waren ausgelassen, von einer kindlichen Freude erfasst und befanden sich gerade auf einer Zeitreise. 50 Jahre zurück...

Erinnerungen an die eigene Jugend. Die Beine bewegen sich wieder ganz leicht. Die Schmerzen sind weg. Federnde Körper voller Spannkraft. Die vielen Männer schauen die wenigen Frauen so an, als wären sie auf Brautschau. Die wenigen Frauen schauen demonstrativ weg, schälen Äpfel und palavern lachend mit ihren Freundinnen. Aber es ist zwischen den Geschlechtern nicht das verkrampfte verlegene Gefühl von einst, sich keine Blöße geben zu dürfen, willensstark auftreten zu müssen, weil das ganze Leben ein einziger Konkurrenzkampf darstellt, in dem es sich zu behaupten gilt. Hier sind die Koreaner - vielleicht das erste Mal in ihrem Leben - einfach nur Menschen, keine öffentlichen Personen. Dafür müssen sie erst Senioren werden, um so abgeklärt zu werden und zu verstehen, dass es eigentlich egal ist, wer man ist und wen man gerne darstellen möchte.

Vergiss, was war...

Bei einigen von ihnen habe ich den Eindruck, dass sie alkoholisiert sind. Dieser Eindruck sollte sich später bestätigen, als ich an Verkaufsständen mit Soju und Makkoli vorbeikam. Auch wurde viel gegessen, denn Essen und Trinken gehören nun einmal zusammen.

- "In zehn Jahren bin ich vielleicht auch hier", sagte meine Begleitung zusammenhanglos.

Ich zog die Augenbraue hoch und schüttelte den Kopf.

- "Nein, du doch nicht."

Ich versuchte aufmunternd zu lächeln. Ich lächelte in einen Spiegel. Der Spiegel nickte mich heftig an:

- "Doch doch, hierher kommen die Leute, die kein Geld haben."

Ich hätte heulen können in diesem Moment. Natürlich! Das war des Rätsels Lösung.

- "Glaubst du, dass hierher die Leute kommen, die Geld haben?", fragte mich der Spiegel.

Ich schüttelte den Kopf.

- "Wer Geld hat, der geht woanders hin. Hierher kommen die Leute, die nichts weiter haben als sich selbst und ihre Probleme", erklärte die immer noch lächelnde Person neben mir.

Wir blieben stehen. Auf einer kleinen Bühne, die mich sehr an einen bestimmten deutschen Kurpark in einem vorwiegend von deutschen Rentnern aufgesuchten Kurort erinnerte, stand ein gepflegt aussehender Koreaner etwa Anfang 60 mit zurückgekämmten Haaren und einer gelb-orangenen Jacke und sang etwas in der Art von "Wir sind jung und uns geht's prima".

Er war der Held der Stunde. Die Anwesenden jubelten ihm zu. Tanzten. Klatschten. Hoben die Hände. Oder verharrten andächtig für einige Minuten vor der Bühne. Ein Popstar, der sein Publikum gefunden hat und dem es für einen Moment gelingt, dass die Zuhörer sich besser fühlen.

Bei mir trat der gegenteilige Effekt ein. Mittlerweile fiel es mir immer schwerer, aufrecht auf den Beinen zu stehen. Im Rücken piekste es. Meine Augen brannten.

- "Gehen wir weiter, ja?"

Noch weiter hinten in diesem Park stellte ein Kalligraph seine Arbeiten aus. Auf langen weißen Papierbahnen waren mit schwarzer Tinte Schriftzeichen gemalt worden.

Hätte mich wirklich nicht gewundert, wenn da etwas über Leben und Tod gestanden hätte.

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