14.4.08

Fackel im Sturm

"Heute wird zu Recht beklagt, dass die tibetische Kultur von den Chinesen unterdrückt wird. Darüber sollte man aber nicht vergessen, dass die tibetische Kultur aus einer Religion hervorgeht, die noch sehr viel brutaler war, und die Menschen in Tibet wie in der schlimmsten Diktatur unterdrückte. Deshalb verbietet sich jede unkritische Gefühlsduselei für den Dalai Lama und die tibetischen Mönche." - Ulrich Wickert, in den Tagesthemen am 12. Oktober 1997
Beim an und für sich unpolitischen Robert Basic bin ich darüber gestolpert, wie die Berichterstattung in den westlichen Medien über den Fackellauf anläßlich der Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking funktioniert.

Die ganze Geschichte weckte mein Interesse, so dass ich ein bisschen tiefer in die Materie einstieg. Das Schöne am Internet ist ja, dass man binnen Minuten oder weniger Stunden durch die vielen Links sich in relativ kurzer Zeit in ein Thema einarbeiten kann, wofür man früher Tage oder Wochen brauchte, zur Bibliothek musste, wo man sich mühsam aus den unterschiedlichsten Büchern die wesentlichen Informationen zusammensuchte.

Ich hatte bisher wenig Ahnung über den olympischen Fackellauf, wusste aber immerhin, dass dieser auf Betreiben Joseph Goebbels 1935/36 initiiert worden war. Fackeln waren ja bekanntlich das Lieblingsutensil der Nazis zur damaligen Zeit. Dieses ganze Brimborium diente also lediglich dazu, eine gute Presse in der Weltöffentlichkeit zu bekommen und auf den Austragungsort der Olympischen Spiele hinzuweisen. Ein geschickter Schachzug, um Aufmerksamkeit zu erregen. Auch damals gab es allerdings schon politisch motivierte Versuche, die Flamme zu löschen.

Nun ist also China an der Reihe. Dieses Land kleckerte nicht, sondern klotzte: neuer Flughafen, neue Sportstätten, neue Infrastruktur. Die Spiele in Peking werden in ihrer Gigantomanie alles bisher Dagewesene im Sportbereich toppen, da bin ich mir sicher. Komischerweise brachen die Unruhen in Tibet genau zu dem Zeitpunkt aus, als die Chinesen in Griechenland die Fackel entzündeten und in den Blickpunkt der Weltpresse gerieten. Gut, könnte Zufall sein. Die Sache fing aber an noch interessanter zu werden, als Frankreichs Präsident Sarkozy mit einem Boykott seines Landes drohte, falls die Chinesen nicht mit den Tibetern verhandeln würden.

Die Medien griffen dieses Thema begierig auf. Plötzlich wird der Fackellauf nicht mehr als weltweite Übermittlung des olympischen Gedankens verstanden, sondern als pro-chinesische Propaganda. Die Sprache der westlichen Journalisten wandelte sich. Chinesische Sicherheitskräfte waren plötzlich "gewalttätige Kampfroboter", die mit aller Macht versuchten, die Flamme vor den Löschversuchen durch Demonstranten zu schützen. Bei keiner anderen Olympia-Stadt wurde im Vorfeld soviel das Wort "Propaganda" benutzt wie in diesem Jahr bei Peking. In allen anderen Städten ging es um Völkerverständigung, Frieden, faire Wettkämpfe usw. Ich möchte eine kleine Auswahl an Zeitungsthemen nennen, die sich mit der Olympiastadt Peking beschäftigen:
Peking kommt in diesem Pressespiegel schlecht weg. Ich kann mich nicht erinnern, dass bei anderen olympischen Spielen soviel negative Schlagzeilen im Vorfeld gebracht wurden. Die ganze Vorfreude auf die Wettkämpfe wird den Leuten so richtig vermiest.

Woher kommt also diese plötzlich offen gezeigte Aversion des Westens gegen China? In einem Interview mit Frank Siering, das in der Wochenzeitung "Freitag" am 4.4.2008 erschien, spricht dieser von der Angst des Westens gegenüber China. Das ungebremste Wirtschaftswachstum des asiatischen Riesens löst eine lange verdeckte Unsicherheit bei unseren Politikern aus, die um die Zukunft des Standorts Europa fürchten. Verbunden damit sind Ängste vor steigenden Rohstoff- und Lebensmittelpreisen, sinkenden Löhnen und den damit einhergehenden Veränderungen. Chinas Wirtschaft bedroht schließlich indirekt auch die westlichen Demokratien. Die Europäer suchen nach Sicherheit in ihrem Leben und dann kommt alles ganz anders, wenn durch Billigprodukte und Rohstoffaufkäufe im großen Stil andere Volkswirtschaften vor ganz neuen Tatsachen gestellt werden. Das eurozentrische Modell, so befürchtet man, soll ausgedient haben und gegen diesen Gedanken wehrt man sich verzweifelt, in dem man sich an einem Fackellauf, sportlichem Boykott und Pro-Tibet-Demonstrationen abarbeitet.

Das ist in gewisser Weise rührend lächerlich, denn es geht eigentlich gar nicht mehr um den Sport oder um Tibet, sondern um eine breitangelegte Kampagne, Chinas Leistungen der letzten Jahrzehnte zu schmälern. Da passt auch der Bericht von Anfang April 2008 einer Chinesin, die in Deutschland arbeitet und eine Art Gedächtnisprotokoll (leider nur auf englisch) angefertigt hat, in dem sie beschreibt, wie sie sich gegenüber den deutschen Arbeitskollegen für die Entwicklungen in Tibet ständig rechtfertigen musste. Das ist der tägliche Rassismus, der nur entstehen kann, wenn eine fast gleichgeschaltete Presse den Leuten Tag für Tag erzählt, welche Probleme die Chinesen haben und wie übel es ihnen dort ergeht. Aber hey, die Menschen dort leben noch, es sind sehr viele Millionen mehr und das bedeutet, dass man anders miteinander umgehen muss.

Im "Neuen Deutschland" vom 14.4.2008 schreibt Dorit Lehrack dazu:
Zurück zur Kampagne gegen die Olympischen Spiele. Wem nützt sie eigentlich? Bestimmt nicht den Sportlern der Welt, die sich vier Jahre lang auf friedliche Spiele mit sportlichen Höchstleistungen vorbereitet haben. Bestimmt auch nicht den sportbegeisterten Zuschauern in aller Welt. Nicht den Abermillionen chinesischer Gastgeber, denen die Spiele eine Chance bieten, mit Menschen aller Länder zusammenzutreffen, sich und das Land weiter zu öffnen und sich als gute Gastgeber zu zeigen.
Wem nützt die Kampagne also? Nicht den Tibetern, die mit ihren Aktionen vielleicht ein, zwei Monate im Fokus der Medien stehen. Nicht den Sportlern, denen ein Boykott von den Politikern aufgedrückt wird, den sie eigentlich gar nicht wollen. Nicht der Wirtschaft, die Frieden und Stabilität in dieser Region braucht, um ihre Geschäfte abwickeln zu können.

Der Westen geht gern davon aus, dass gewisse Grundrechte wie Meinungsfreiheit und Pressefreiheit unverzichtbar sind und kommen nicht damit klar, dass es irgendwo auf der Welt auch ohne diese Grundrechte funktioniert. Es gibt keinen ultimativen Plan, wie eine menschliche Gesellschaft sich organisiert und überlebt, aber das will der Westen eben nicht anerkennen.

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2 Comments:

At 15/4/08 12:55, Blogger Jens-Olaf said...

Korea hat man vor 1990 in der Presse die Demokratiefaehigkeit abgesprochen ("Korea Witness" 2007, ein Buch von Journalisten-Veteranen). Alles schien dagegen: Konfuzius, Okkupation, Militaerdiktatur und eine Form Stalinismus im Norden.Keine Tradition in Demokratie. Aber seit 1987-1992 hat sich gewaltig was geaendert. Zum Beispiel Reisefreiheit.
China traue ich auch einen Wechsel zu. Jedenfalls ist das nicht grundsaetzlich ausgeschlossen. Letztes Jahr habe ich mit Taiwanesen gesprochen. Sie moechten ihre Errungenschaften behalten, jedenfalls keine Wiedervereinigung ala Hongkong. Und sie sind Chinesen.
Kaum abzuschaetzen, ob die Spiele den Wunsch nach mehr Freizuegikeit verstaerken werden, zumindest besteht die Hoffnung.

 
At 15/4/08 22:05, Blogger sca said...

In Klein-Bloggersdorf geht das Thema "China und Tibet" gerade ziemlich herum. Zwei ziemlich gegensätzliche Positionen zum Weiterverfolgen, die ich ganz interessant fand:

http://blogs.ivyworld.de/fred/2008/04/11/made-in-china/

http://www.katharina-brunner.de/china/2008/04/13/die-chinesische-sicht-der-dinge/

 

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