11.4.07

Ostern auf dem Dobongsan

Es hatte vor einer Woche ein Osterspaziergang werden sollen. Es wurde dann eine Bergwanderung.

Wer in Seoul dem Lärm und der Hektik der Großstadt entfliehen will, macht sich auf den Weg in das noch verbliebene suburbane Grün. Uns zog es vor einer guten Woche zum Dobongsan im Nordosten der Stadt. Allerdings kamen auch geschätzte 100.000 Seouliter (ich liebe dieses Wort) auf die gleiche Idee und so drängelte sich der bestens ausstaffierte Demonstrationszug, der ein einziges Meer aus Rucksäcken, pinkfarbenen und schwarzen Jacken und den bei den Damen immer noch sehr beliebten Entenschnabel-Hüten bildete, zum Gipfel hinauf.

Das Gute an den anwesenden Menschen ist, dass man nie wirklich Angst haben muss, den falschen Weg zu nehmen oder sich gar zu verlaufen. Man trottet einfach der Herde hinterher. Für Individualisten sind solche Touren leider nichts. Für die erfand Gott ja auch Schweden, Alaska und Patagonien. Immer wieder sieht man auf den koreanischen Bergen dagegen wagemutige mittelalterliche Männer aus den lang dahinziehenden Menschenketten ausbrechen und über steile Felsklippen springen, um den letzten Hauch von Abenteuer und Gefahr auszukosten. Sei es ihnen gegönnt, auch wenn das ständige Dröhnen der Rettungshubschrauber auf Dauer doch etwas nervte, weil alle Nase lang jemand von den Klippen gestürzt war.

Die Wege den Berg hinauf sind in der Umgebung Seouls ausgetrampelt, aber haben sich an vielen Stellen noch einen originären Zustand bewahrt. Anders als auf den breiten gut asphaltierten Kaffee-und-Kuchen-Sonntagsspazierwegen der deutschen Mittelgebirgen, muss man hier als Naturfreund noch harte Arbeit am Felsen leisten, um den Gipfelblick (nebst Foto, das für Koreaner obligatorisch ist) entsprechend genießen zu können. Es gibt Seile, an denen man sich hochziehen muss, steile Treppen, erodierende Eisengeländer und den ganzen Spaß, den ich aus der slowakischen Hohen Tatra kenne.

Damit sind die Touren von vornherein nicht unbedingt gemütlich, sondern eher sportlich zu nennen. Die abgeleistete Distanz liegt bei einer solchen Wanderung selten über 10 Kilometer, dafür fressen sich die anstrengenden Höhenmeter langsam aber sicher in die Gelenke. Abends kann man wunderbar schlafen, verspürt erfreulicherweise aber am nächsten Tag keinen Muskelkater.

Die Begegnung mit den Eingeborenen ist stets freundlich. Mal werden geistige Getränke angeboten, mal wird interessiert genauestens die Kleidung und Haarschnitt der ausländischen Wandervögel inspiziert und schließlich auf die Picknickutensilien: was sie bei ihrem Picknick so verputzen. Wir guckten natürlich gleich zurück und sahen folgendes: die Standard-Wegzehrung für viele Koreaner ist das "Kimbab" (in Seetang eingewickelter Reis mit Käse-, Fleisch- oder Gemüsefüllung), aber auch "Ramyon" (Nudelsuppe im Thermosbehälter), dazu kredenzt man Alkohol: "Makkoli" und "Soju" in ungewöhnlich überdimensionierten Flaschengrößen.

Erstaunte Blicke ernteten wir beim Verstecken unserer Osterpräsente. Deshalb war es dieses Jahr auch so leicht, alle Verstecke aufzuspüren - man musste einfach nur in die Richtung laufen und hinter den Baum gucken, hinter den auch das doppelte Dutzend neugieriger koreanischer Wanderfreunde zuvor schon geschaut hatte.

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