12.2.09

Prüfungen (des Lebens)

Eine junge Kollegin erzählte mir vor ein paar Tagen, dass bei der Prüfung "Start Deutsch" die Kandidaten bei einer Höraufgabe das Wort "Schreibtisch-Lampe" heraushören und notieren sollten. Was aber schrieben einige von ihnen? Schreibtischschlampe.

Und damit bin ich schon mittendrin, bei all den kleinen und größeren Pannen und Peinlichkeiten, die einer Prüfung erst den nötigen Charakter aus Nervenkitzel, Humor, Schweißausbrüchen, inneren Flüchen und dem Hoffen und Bangen, schnell alles zu überstehen und irgendeine Lösung zu erkennen, zu notieren, zu sprechen.

Heute hatte ich Prüfungsaufsicht für den TestDaF an unserer Uni. Es ist anstrengend, denn man hat den Kopf voll mit tausend kleinen Dingen, die man ansagen muss, damit ja alle die Aufgaben bewältigen. Man darf nichts vergessen, sonst beschwert sich einer eventuell später über falsche oder fehlende Informationen, die er dringend für das Lösen der Aufgabe gebraucht hätte. Obwohl ich diese Prüfung schon einige Male abgenommen habe, bleibt doch immer ein Rest Aufregung, ob alles gut (mit der Aufnahmetechnik) funktioniert. Zum Glück gab es keine großen Probleme, auch wenn ich wegen falsch eingelegten Kassetten und nicht funktionierenden Kopfhörern mehrere Anläufe brauchte, bis schließlich alle Studenten den mündlichen Prüfungsteil absolvieren konnten.

Am Ende, erlebte ich eine Überraschung, nämlich als ich in die Runde fragte, ob die Aufgaben schwer gewesen seien und ein Koreaner ganz ehrlich seine Meinung sagte (das passiert eigentlich nie, deswegen schreibe ich darüber!). Sinngemäß meinte er: "Das war große Sch...! Also ehrlich, ich brauche bei meinem Studium in Deutschland nicht solche blöden Aufgaben zu lösen. Das geht doch an der Wirklichkeit vollkommen vorbei."

Ehrliche Ansage. Ich will die Meinung dieses Studenten und seine ziemlich rüde Wortwahl nicht weiter kommentieren. Als Lehrer steckt man in solchen Situationen immer im Dilemma, sich mit den Prüfungskandidaten zu verbrüdern (was im Grunde nicht geht bzw. unglaubwürdig wirkt, weil man auf der anderen Seite steht), die Meinung weitgehend zu ignorieren ("Hat sonst noch jemand eine eigene Meinung?") oder über den Sinn von Prüfungen zu diskutieren. Für letzteres gilt: Wenn du es erklären musst, ist es nicht gut.

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1.2.09

Das große Schaulaufen

Die letzten Tage in Seoul kommen mir vor wie ein einziges langes Schaulaufen. Die Stadt zeigt sich von seiner besten Seite. Ausnahmslos alle Leute, die ich kenne, sind nett und zuvorkommend mir gegenüber. Das macht das Abschiednehmen nicht leichter. Es kommt mir so vor, als würden es alle darauf anlegen, mich so gut wie möglich zu behandeln. Jedenfalls nehmen die Einladungen zum Essen und Geschenke kein Ende. Ich genieße das, denn es war nicht immer einfach hier zu leben. Insofern ist das, was sich jetzt erlebe, ein schöner Ausgleich.

Jemand meinte letztens, dass ich die Schwierigkeiten, die ich hier gehabt habe, vergessen und nur die schönen Erinnerungen mit nach Deutschland nehmen solle. Ich denke, das wird ganz automatisch passieren. Der Mensch ist von Natur aus so angelegt, dass er Unangenehmes ausblendet.

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20.11.08

222 Jahre Aufklärung oder Bong San Do

- "Weißt du, warum die (koreanische) Kollegin nicht mit dir auf deutsch sprechen will?"
- "Vielleicht weil Sie Angst hat, nicht gut deutsch zu sprechen und wir uns nicht gut verstehen?"
- "Nein, nein. Sie hat gehört, dass du allein lebst."
- "Allein...? Aber... ich lebe hier mit meiner deutschen Freundin."
- "Ja, aber ihr seid nicht verheiratet!"
- "..."

Dazu fällt mir nichts mehr ein. Dieses Land braucht unbedingt noch zwohundertzwoundzwanzig Jahre Zeit, damit man als Europäer nicht mehr dreimal um die Ecke denken muss, um die tiefere Logik solcher Gedankengänge zu verstehen. Ich muss neuerdings über soviel wirres Zeug nur noch lachen. Der Kollege mit dem ich mich unterhalte, lacht mit. Moment mal, da fällt mir ein... Ich frage zurück:

- "Ist diese Kollegin denn verheiratet?"
- "Nein! Natürlich nicht!"

Wir müssen beide noch lauter lachen. Er wechselt das Thema:

- "Du musst erstmal ein richtiger Koreaner werden, damit sie mit dir spricht."
- "Hm, und wie soll ich das anstellen?"
- "Also, zuerst mal brauchst du einen koreanischen Namen."
- "Hab ich nicht."
- "Na eben. Deshalb brauchst du doch einen."
- "Ah ja. Hast du eine Idee?"
- "Do klingt gut, oder?"
- "Als Vor- oder Nachnamen?"
- "Nachname natürlich."
- "Gibt es den Nachnamen Do wirklich im Koreanischen?"
- "Ja, sehr selten."
- "OK, dann rede mich jetzt immer mit Do an."
- "Gut, Do Bong San."
- "Äh, bitte nochmal..."
- "Do Bong San."

Mein Kollege grinst. Ich habe das Wortspiel nicht gleich verstanden, muss nach dem zweiten Hören aber ziemlich laut lachen. Jefällt ma, jeht ab, sach ick ma.

(Dobongsan ist der Name eines nahe gelegenen Berges, auf den wir in den letzten drei Jahren ziemlich oft gewandert sind.)

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23.10.08

Straßen-Handwerk

Ein ungewohntes Bild sind für mich die Handwerker, die ihren Arbeitsplatz auf die Seouler Straßen verlegt haben. Noch lässt das Wetter die Arbeit im Freien zu, denn die Temperaturen sind noch angenehm mild.

Aber einen Autolackierer, der mit Sprühpistole und ohne Mundschutz oder Maske seine Arbeit verrichtet, sieht man an oder auf deutschen Straßen nicht. Arbeitsschutz? Unbekanntes Fremdwort. Umweltschutz? Hier doch nicht.

Ein paar Meter neben der Open-Air-Autowerkstatt befindet sich übrigens eine Bushaltestelle, an der viele Leute auf ihren Bus warten. Wer den penetranten Geruch von Spritzlack kennt, der kann sich sicher gut vorstellen, dass die ganze nähere Umgebung davon eingenebelt wird.

Niemanden scheint das wirklich zu kümmern. Es gibt Dinge im koreanischen Alltagsleben, die werden einfach so hingenommen. Ganz normal, dass dieser Mann im Freien arbeitet. In seiner Werkstatt hätte er sich schon längst eine schlimme Atemwegserkrankung zugezogen. Wie gut, dass er an der frischen Luft arbeiten kann.

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5.6.08

Wo ist meine Freundin?

Habe heute im Anfängerkurs die lokalen Präpositionen (auf, an, in, usw...) behandelt. Anschließend sollten sich die Studenten gegenseitig fragen, wo welche Gegenstände auf ihren Tischen liegen. Ein junger Koreaner fragte seinen Nachbarn ganz ernsthaft: "Wo ist meine Freundin?" und ich bin immer noch überrascht, dass Koreaner soviel Humor haben.

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18.5.08

Termine für Verliebte - Teil 1

Verliebte in Korea haben es schwer. Wenn sie sich tatsächlich an die unterschiedlichen Feiertage halten würden, die ihnen noch auf dem langen Weg vom ersten schmachtvollen Seufzer bis zur Verlobung oder gar Hochzeit bevorstehen, gäbe es vielleicht auch gar keine Koreaner mehr. Ausgestorben wegen hochgradiger Komplexität in Liebesdingen.

In der März-Ausgabe des "Granite Tower", einer englischsprachigen Studentenzeitschrift für Studenten der KU, las ich, dass es neben dem Valentinstag eine Reihe weiterer spezieller Tage für Liebespärchen gibt. Im folgenden möchte ich nur die "Termine" für die erste Jahreshälfte vorstellen, damit man einen ersten Eindruck davon bekommt, wie furchtbar kompliziert das alles ist bzw. gemacht werden kann.

Der Valentinstag am 14. Februar wird in Korea fast genauso wie in Deutschland begangen. Allen, die dahinter eine Marketing-Verschwörung der Blumen- und Süßwarenindustrie vermuten, sei von einem Korea-Besuch an diesem Tag abgeraten. Deutschland ist im Gegensatz zu Korea noch eine Geschenke-Wüste. Allerdings sind hier in Korea nur die Frauen verpflichtet, den Männern etwas zu schenken, um ihnen ihre Liebe zu zeigen/zu gestehen. Die Männer müssen erst am 14. März, dem sogenannten "White Day" Farbe bekennen. Oft wird für ein Valentinsgeschenk ein Gegengeschenk erwartet. Wenn der Mann der Frau also am "White Day" auch etwas zurück schenkt, dann hängt ihr gemeinsamer Himmel voller Geigen und eine paradiesische Zeit bricht an, der nur durch den 14. April, den "Black Day" getrübt werden könnte.

An diesem Tag trauern all die zurückgewiesenen Singles, die weder am Valentinstag noch am "White Day" beschenkt wurden bei einem Teller Nudeln mit schwarzer (!) Sojasauce. Man erkennt die einsamen Herzen auch daran, dass sie allein vor einer Tasse schwarzen (!) Kaffees hocken oder schwarze (!) Kleidungsstücke tragen oder irgendetwas essbares Schwarzes (!) gedankenvoll in sich hineinmümmeln. Es soll mitunter vorkommen, dass sich auf diese Weise die "schwarz"-verärgerten Singles gegenseitig erkennen und miteinander ins Gespräch kommen. So wird aus Frust Lust, denn geteiltes Leid ist bekanntlich halbes Leid.

Erfreulicher geht es am 14. Mai, dem "Rose & Yellow Day", weiter. Die Männer schenken ihren Freundinnen Rosen und diejenigen, die immer noch Single sind, sollten auf jeden Fall etwas Gelbes tragen und Curry essen. Wenn man das nicht tut, wird man lange Zeit Single bleiben.

Wiederum vier Wochen später ist ein neuer Pärchen-Tag in Korea, damit es nicht langweilig wird in der Beziehung. Am 14. Juni, am "Kiss Day", darf zum ersten Mal geküsst werden. Puuuh, ich weiß nicht, wie lange ein Mitteleuropäer durchschnittlich dafür benötigt, aber die Zeitspanne zwischen erstem tiefem Blick in die Augen, erstem Geschenkaustausch (Valentinstag bzw. "White Day") und erstem Kuss dürfte vermutlich um einiges kürzer sein.

Wie gesagt, wenn sich denn die Koreaner an all diese speziell erfundenen Feiertage strikt halten würden. Tun sie aber nicht, sondern überraschen den Rest der Welt mit solch herrlich blöden Komödien (siehe Filmtrailer bei youtube), die man auch versteht, wenn man kein Wort Koreanisch kann.


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13.4.08

Der Mann am Schlagzeug

Bei "Ehrensenf" vor ein paar Tagen gesehen, dann vergessen und heute wieder entdeckt bei feetmanseoul - der wildeste koreanische Schlagzeuger der Musikgeschichte. Auch die Stimme der Sängerin erzielt echte Gänsehaut-Wirkung. Also die von der schweißgebadet-langsam-panischer-werdenden Sorte.

Ab 2:16 geht wirklich die Post ab.

See more funny videos at CollegeHumor


Und hier nochmal der Vergleich mit "Animal" von den Muppets.


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31.3.08

Bestrafe mich

Viermal die Woche muss ich kurz nach 7 Uhr raus aus dem Bett. Viermal die Woche stehe ich 9 Uhr vor einem Deutschkurs. Viermal die Woche ärgere ich mich über einige Studenten, die zwischen 5 bis 30 Minuten zu spät kommen. Sie platzen meist dann herein, wenn ich etwas erkläre oder erzähle. Das ist in höchstem Maße unhöflich. Da mache ich keinen Unterschied zwischen koreanischen, deutschen oder litauischen Studenten.

Als Lehrer darfst du dir es dagegen nicht erlauben, einfach so zu spät zu kommen. Ein Student kann sich das erlauben, denn selten wird ihn der Dozent maßregeln, weil es einfach unter seinem Niveau ist. Auch ich dachte lange so. Ich wollte junge Erwachsene nicht mehr darüber belehren müssen, wie sie sich im Alltag zu benehmen haben. Warum sollte ich Fehler in der Erziehung korrigieren wollen, an denen die Eltern und Lehrer an der Schule schon gescheitert sind.

Aber seit dem Beginn des Semesters habe ich mir eine neue Strategie überlegt. Wer zu spät kommt, bekommt Hausaufgaben auf. Normalerweise gibt es in meinen Kursen keine oder kaum Hausaufgaben und die Studenten wissen das auch. Deshalb fanden es einige von ihnen sehr überraschend, als ich ihnen in den ersten Semesterwochen Kopien in die Hand drückte und meinte, dass sie mir die Zettel ordentlich ausgefüllt beim nächsten Mal zurückgeben sollten. Wer die Hausaufgaben nicht macht, wird mit einer schlechteren Note am Ende des Semesters bestraft. In einem Kurs, in dem ungefähr die Hälfte zu spät kam, stellten sich erste Erfolge ein: Die Studenten sitzen pünktlich um 9 Uhr vor mir und grinsen ziemlich schadenfroh, wenn sich doch mal jemand verspätet. Sozialer Druck innerhalb einer Gruppe kann manchmal etwas sehr Nützliches sein.

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29.3.08

Korea - So geht's

Den Monty-Python-Sketch über das "Ministry of Silly Walks" sollte jedem, der schon länger darüber nachgedacht hat, wie individuelle Laufstile bei den Menschen entstehen, bekannt sein.

Koreaner gehen nicht, Koreaner bummeln. Die durchschnittliche Laufgeschwindigkeit in Seoul liegt bei ungefähr einer halben Schaufensterscheibe pro Minute. Niemanden scheint das hier zu stören, denn wenn jeder so läuft und alle so gemütlich vor sich hintrotten, gibt es auch keine Probleme. Trotzdem passiert es in einem fort, dass man von sehr kleinen älteren Damen die Handtaschen gegen das Knie gerammt bekommt. Oder man Menschentrauben ausweichen muss, die eine Gruppe bilden und sich gern an Ein- oder Ausgängen in aller Ausführlichkeit begrüßen oder verabschieden und ungerührt stehenbleiben. Rücksicht ist etwas für Leute, die es sich leisten können. Beliebt für abweichendes Gehverhalten sind im übrigen auch die Treppenaufgänge, wenn plötzlich die Gesetze des Rechts-Links-Straßenverkehrs aufgehoben sind und plötzlich die Koreaner auf der linken Seite die Treppen hinabsteigen und rechts hinaufsteigen, wo sie ansonsten auf dem Bürgersteig immer so laufen, wie man es aus Europa (von England mal abgesehen) gewohnt ist. Es gibt außerdem ein Gebäude an der Korea Universität, wo man sehr gut beobachten kann, wie sich riesige Menschenmengen verhalten, die schnell ein Gebäude verlassen bzw. betreten müssen und sich so ineinander im Treppenhaus verkeilen, dass es für einige Sekunden weder vor noch zurück geht. Eingesperrt zwischen Teenagern steht man da und wartet, dass sich die lahme junge Elite des Landes, die sich über eine gesamte Treppenstufe verteilt hat, endlich für das nachmittägliche Kaffeetrinken verabredet hat.

Ärgerlich wird dieses Verhalten der Eingeborenen für Leute aus Berlin. Berliner bummeln nicht. Berliner haben keine Zeit. Berliner haben es immer eilig. Es ist nicht dieses vorgetäuschte Beschäftigtsein, um sich andere Menschen vom Leib zu halten. Trödeln, flanieren, spazieren bedeutet Stillstand. Der Berliner hat wirklich keine Zeit. Er rennt, er schnauft, er hastet durchs Leben. Es ist für ihn eine Autobahn, kein Trampelpfad. Wenn er auf Leute trifft, die bummeln, wird er unwirsch.

Treffen nun diese beiden Spezies, der Seouler und der Berliner, aufeinander und haben den gleichen Weg vor sich, ergibt sich eine Art Ballett, denn der Koreaner versucht sich anzupassen und seine Schritte zu beschleunigen und sich nach oben zu strecken, um das Gespräch aufrechtzuerhalten, während der Deutsche kleinere Schritte macht und seine Haltung verkrümmt, um sich nach unten zu beugen und die leise gesprochenen Worte zu verstehen, die von unten zu ihm hinauf dringen. Schön ist das nicht und ich glaube, die Spätfolgen dieser anstrengenden Form des Gehens wird man erst in den nächsten Jahrzehnten erkennen. Aber es soll niemand behaupten, ich hätte auf dieses Problem nicht schon jetzt hingewiesen.

Ich habe bisher nur einen Koreaner getroffen, der mit mir Schritt halten kann. Der mehrheitliche Rest ist mir einfach zu träge.

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16.11.07

Tage wie dieser

Heute war nicht Freitag, der 13. Aber als ich bei der Post eine Postkarte aufgeben wollte, standen vor mir am Schalter Menschen mit Paketen an. Menschen mit Paketen an koreanischen Postschaltern bedeuten viel Arbeit für die Postbeamten. Ich zog unverrichteter Dinge weiter.

Am Bankautomaten stand ich hinter einem jungen Mann an, der es sich dort irgendwie gemütlich gemacht hatte. Während sich die Schlange neben mir am benachbarten Bankautomaten langsam aber sicher vorwärts bewegte, passierte vor mir gar nichts. Immer wieder schob der Kunde vor mir seine Geldkarte in den Automaten, die aus unerfindlichen Gründen wohl nicht funktionierte, dann wieder sein grünes Bankbuch, kratzte sich am Kopf, führte ein Handygespräch und ging plötzlich weg. Ich trat näher an den Automaten heran und erkannte eine Fehlermeldung auf dem Bildschirm. Geld konnte ich nicht mehr abheben.

Als ich dann weiter hastete, um noch einigermaßen rechtzeitig zu einer Verabredung zu kommen, rempelte mich ein dicker kleiner bebrillter Koreaner von vorne an, der mit abgespreiztem Arm ein Handy in der Hand hielt und dem ich wegen seines eigenwilligen Laufstils leider nicht ausweichen konnte. (Das Wort "Geschwindigkeit" gibt es übrigens im Koreanischen nur für Autofahrer, aber nicht für Fußgänger.)

Ich habe mir geschworen, dass ich ab jetzt nach den Grundsätzen "Knorkators" lebe.


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Das dritte Geschlecht

In Korea, so erfährt der naive Ausländer bei der zweiten Flasche Soju, also genau dann, wenn die Grenzen zwischen erstem Beschnuppern, Vertrauen-Fassen und Anzüglichkeiten zusehends fallen, gibt es drei Geschlechter.

- "Drei Geschlechter?" höre ich mich flüsternd meinen Gesprächspartner fragen.
- "Jaja, Männer, Frauen und dann die 'Ajumas'."

Mit Ajumas sind eigentlich alle verheirateten Koreanerinnen gemeint, wobei dieser Begriff mittlerweile etwas abwertend gebraucht wird, um eine bestimmte Bevölkerungsgruppe ins Klischeehafte zu verzerren. Bis hierhin war ich noch politisch korrekt.

Ajumas sind laut persönlichen Umfragen und Erlebnissen koreanische Frauen, die das 40. Lebensjahr weit überschritten haben. Man erkennt sie an folgenden Details bzw. Verhalten:
  1. an dem Sonnenschutz (die sogenannte "Entenschnabelmütze"), den sie auf dem Kopf tragen, um sicher vor der Witterung und den Sonnenstrahlen zu sein
  2. an ihrem leicht herausfordernden Geh-Stil, der sich nicht an den Rechts-Links-Fußgänger-Konventionen eines Mitteleuropäers orientiert, sondern über die gesamte Breite eines Bürgersteigs verläuft - gefürchtet ist das rudelweise Auftreten von Ajumas, die den Verkehr entlang ganzer Straßenzüge zum Erliegen bringen können
  3. am Schubsen, Vordrängeln und dem Suchen von Körperkontakt insbesondere an den Türen der U-Bahnen
  4. an der bunten Kleidung, vorzugsweise schreiend-bunte Polyesterblusen kombiniert mit pinkfarbenen Windjacken und geblümten Tüchern oder Schals
  5. an den Pudelfrisuren, die kurz und drahtig vom Kopf abstehen und Volumen vortäuschen, wo doch die einstige Haarpracht längst, ach oh ach, verwelkt ist, übrigens gut auf englisch zusammengefasst in diesem Artikel
  6. an ihrer enormen Stimmkraft und dem einprogrammierten Verhalten, dass alles in der Umgebung lauthals kommentiert, belacht und kommentiert, belacht und kommentiert, belacht und kommentiert werden muss.
Was man als Ausländer bei der Begegnung mit Ajumas tun sollte: unbedingt Fotos von diesen Damen machen! Denn das dritte Geschlecht gibt es nur in Korea.

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3.11.07

Kunststückchen

Normalerweise habe ich immer meine Knipse in der Tasche, aber ausgerechnet heute lag sie zu Hause. Folgende Situation kann ich leider nicht mit einem Foto garnieren, sondern nur nacherzählen: Zwei junge Männer fuhren auf einem Motorrad einen steilen Berghang hinunter. Der Vordere gab ordentlich Gas und lenkte in großen Schwüngen die Serpentinen entlang. Der Hintere hielt rechts und links in seinen Händen jeweils einen Plastik-Kaffeebecher und glich mit seinem Körper die Schlenker des Fahrers aus. Natürlich trug keiner der beiden einen Sturzhelm.

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31.10.07

Die Legende vom TestDaF

Als ich von einem koreanischen Germanistik-Studenten vor kurzem auf Englisch (sic!) gefragt wurde, ob denn die TestDaF-Prüfung wirklich so leicht sei, dass man sie nach einem halben Jahr Deutschlernens schaffen könne, stellte sich ein ungläubiges Schmunzeln in meinen Mundwinkeln ein, das sogar bis jetzt noch andauert. Dieser Student schrieb gerade an seiner Magisterarbeit, befand sich also ungefähr im fünften bis sechsten Studienjahr und entschuldigte sich mehrmals dafür, dass sein Deutsch so schlecht sei.

Ja, klar, dachte ich, wenn man Germanistik in Korea studiert, bedeutet das ja nicht zwangsläufig, dass man die Sprache lernt, sondern vor allem, dass man irgendwas studiert. Ein Job findet sich dann hinterher schon irgendwie von ganz allein.

Der TestDaF, so viel sei an dieser Stelle verraten, dient an vielen deutschen Hochschulen als Sprachnachweis bei ausländischen Studenten. Die Note verrät dabei, wie gut der betreffende Student in der Lage ist, den wissenschaftlichen Diskussionen in den Seminaren und Vorlesungen zu folgen. Es handelt sich dabei also nicht mehr um Alltagsdeutsch auf Bundesliga-Niveau, sondern eher um stilistisch sicheres Deutsch auf akademischem Champions League-Niveau.

Nachdem ich den Studenten wegen seiner Frage einigermaßen verblüfft angesehen hatte, erfuhr ich, dass unter den koreanischen Germanisten tatsächlich erzählt wird, dass der TestDaF ganz leicht nach einem halben Jahr zu schaffen sei. Ja, wenn man schon vier Jahre Deutsch gelernt hat, entgegnete ich, dann... Nein, nein, unterbrach mich der Student, wenn man Anfänger sei, würde das schon gehen. Zum Glück war er kein Ignorant und hörte sich meine Meinung dazu an.

Bei einer anderen Studentin stieß ich dagegen auf taube Ohren. Nach einem Jahr Abwesenheit an der Uni, traf ich sie wieder in den verschiedensten Kursen zwischen Anfänger- bis hin zum Mittelstufenniveau an . Es stellte sich heraus, dass sie nach einjähriger Pause jetzt unbedingt ganz schnell ihren Abschluss machen muss und in einem Vierteljahr alles aufholen will. Für einen Normalsterblichen ein Ding der Unmöglichkeit, aber nicht für einen durchschnittlich verbohrten Koreaner, der wahrscheinlich mit der Kraft von Kimchi und Autosuggestion im Stande ist, wahre Wunder zu vollbringen.

Diese Geschichten sind leider keine Einzelfälle. Es hat sich zugetragen, dass Koreaner in Deutschland im denkbar knappen Zeitraum von zwei Jahren erfolgreich auf Deutsch promovierten. In zwei Jahren! Das schaffen selbst die wenigsten deutschen Doktoranden.

Korea, du bist großartig. Du herrliches Land der Märchenerzähler. Mögen deine Sprachgenies, die selbst nach Jahrzehnten mit den schrecklichen deutschen Konsonanten "R" und "L" kämpfen, niemals aussterben und unseren Planeten mit ihrem ausgeprägten Maß an Irrwitz, Selbstüberschätzung und Drolligkeit auch in Zukunft bereichern, damit der Rest der Welt etwas zu lachen hat.

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23.4.07

Wunschdenken und Wirklichkeit in Korea

Auf nukus Blog wurde vor einiger Zeit ein interessanter Gästebucheintrag einer Koreanerin veröffentlicht, auf den ich an dieser Stelle hinweisen will sowie auf die spannenden Kommentarbeiträge.

Den Senf, den ich dazu dort abgegeben habe, gebe ich hier - geringfügig verändert - nochmal ab. Doppelt hält bekanntlich besser.
Erstmal vielen Dank für diesen mutigen Beitrag von Jooeun Yi, der viel erklärt, auch vor sogenannter "Nestbeschmutzung" nicht zurückschreckt und offensichtlich die deutschen Leser stark polarisiert (siehe vorige Kommentare).


In der Tat versucht Korea gerade einen wahnwitzigen Spagat zwischen wirtschaftlichem Erfolg und gesellschaftlicher Harmonisierung unter gleichzeitiger Beibehaltung traditioneller Denkweisen und Rollenbilder hinzubekommen. In anderen Ländern, insbesondere in Westeuropa, sind solche wirtschaftlichen Entwicklungen fast immer in langen Zeiträumen und mit gesellschaftlichen Veränderungen einhergegangen. Beispiel: Das Zeitalter der europäischen Aufklärung Ende des 18. Jahrhunderts konnte erst stattfinden, nachdem das Bürgertum erstarkt war und sich zunehmend von Adel und Klerus emanzipierte. Mit der finanziellen Unabhängigkeit des Bürgertums fanden auch neue geistige Strömungen einen Nährboden. Umgekehrt ging (bzw. geht) das nicht in der Geschichte: erst die Theorie vom Sozialismus/Kommunismus bei Marx und Engels, dann 80 Jahre später der durchgeplante gesellschaftliche Umbau in Sowjetrussland und anderen Ländern. Da fehlte es zwar nicht am Bedürfnis, etwas in der Gesellschaft verändern zu wollen, aber die Idee des Kollektivismus widersprach der menschlichen Eigenart, etwas allein besitzen zu wollen.


Nun kann man die europäische Geschichte ganz sicher nicht 1:1 auf andere Kulturen übertragen. Als historisch-evolutionäres Leitbild (Marx, ick hör dir schon wieder trapsen!), dass bestimmten Mustern, Ideen und "Klassenkämpfen" (naja, nennen wir es "Folge von Generationenkämpfen") von Zeit zu Zeit in der Geschichte folgt, mag es aber hinreichend als Erklärungsmodell dienen.


Die jüngere koreanische Generation wird sich dieses Festhalten an überlieferten Formen des Zusammenlebens innerhalb der Familie und Partnerschaften angesichts gewachsener Konsumwünsche, steigender persönlicher Unabhängigkeit und eines selbstbewussteren Umgangs mit anderen Menschen auf Dauer nicht gefallen lassen, von der sooft beschworenen "Tradition" bei privaten Entscheidungen gängeln zu lassen. Dafür sorgen schon die Helfershelfer der globalisierten Welt: zunehmende mediale Vernetzung, zielgruppenrelevantes Marketing und Erschließung neuer Märkte. Die Wirtschaft kann mit dem Begriff "Tradition" nichts anfangen, solange man damit kein "Image" oder eine "Marke" verkaufen kann. Auch wirkt das so heftig von beiden Seiten attackierte "hierarchische Denken" innerhalb der koreanischen Gesellschaft vielleicht hemmend auf die einzelne Person, aber als gesellschaftliches Phänomen betrachtet, übernimmt es eine eher ordnende Funktion. Jeder Koreaner kennt seinen Platz in der Gesellschaft. Das widerstrebt zutiefst dem europäischen Gleichheitsgedanken, aber warum sollte ausgerechnet der das Allheilmittel für alle Probleme auf dieser Welt sein? Die Amerikaner sind bei diesem Versuch mit ihrem Vorgehen neuerdings im Irak kläglich gescheitert. Das Land wird dort auch in Zukunft nicht durch den Demokratiegedanken westlicher Prägung befriedet werden können.


Insofern würde ich diese Debatte über kulturelle Unterschiede gern noch einmal in 20 Jahren führen und mir anschauen, ob sich "fremde Kultur" zukünftig nicht in Diskussionen über die Länge der Reisezeit in ein anderes Land oder der Suche nach der besten Übersetzungssoftware für die Landessprache erschöpft. Die Evolutionstheorie Darwins ließe sich etwas modifiziert auch auf menschliche Formen des Zusammenlebens übertragen. Mal sehen, wer der Stärkere ist und sich durchsetzt - Tradition oder Kapitalismus. Wie viele Reste des sogenannten "Weltkulturerbes" man dann noch bei den Menschen auf den verschiedenen Kontinenten finden kann, wie viel sie über das Leben und die Bräuche ihrer Vorfahren wissen, und wie viele Bestandteile der Kulturgeschichte (wie z.B. Essen, Musik, Feste, etc.) als "Spezialität" oder "Attraktion" in einem Online-Museum zur Belehrung und Erbauung nachfolgender Generationen dienen... wer weiß?!

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18.4.07

KU-Marathon

Heute war ein inoffizieller Feiertag an der Korea Universität: ein Marathon-"Lauf" zum Gedenken an die "Ereignisse" vor "soundsoviel" Jahren. Genaueres war leider im Vorfeld nicht zu erfahren. Die Studenten wollten schlicht und einfach einen freien Tag, also ließ ich - nicht ganz uneigennützig - eine Veranstaltung für die Freshmen ausfallen.

Viel über die Hintergründe für diesen Gedenktag erfuhr ich nicht von den Studenten in den Kursen, in denen ich unterrichte. Teils liegt es daran, dass sie mehr mit ihrem Privatkram zu tun haben, teils daran, dass sie nebenbei versuchen, einen formidablen Studienabschluss hinzulegen und über Globalisierung alles, über ihre eigenen Traditionen aber herzlich wenig wissen. Die Leute, die sich auskennen, muss man lange suchen oder durch glückliche Umstände finden.

Dass der 18. und 19.4. für die koreanische Gesellschaft vor ein paar Jahrzehnten wichtige Tage waren, an denen die demonstrierenden und protestierenden Studenten der Korea Universität maßgeblich beteiligt waren, ist heute fast unbekannt. Der sportliche Event-Charakter verdrängt die politische Dimension.

Marathon bedeutet übrigens, dass die Studenten eine ca. 10 Kilometer lange Strecke an einer stark befahrenen Hauptstraße entlang hin zu einem Ehrenmal spazieren (nicht etwa laufen!), berichtete mir heute eine Augenzeugin.

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11.4.07

Ostern auf dem Dobongsan

Es hatte vor einer Woche ein Osterspaziergang werden sollen. Es wurde dann eine Bergwanderung.

Wer in Seoul dem Lärm und der Hektik der Großstadt entfliehen will, macht sich auf den Weg in das noch verbliebene suburbane Grün. Uns zog es vor einer guten Woche zum Dobongsan im Nordosten der Stadt. Allerdings kamen auch geschätzte 100.000 Seouliter (ich liebe dieses Wort) auf die gleiche Idee und so drängelte sich der bestens ausstaffierte Demonstrationszug, der ein einziges Meer aus Rucksäcken, pinkfarbenen und schwarzen Jacken und den bei den Damen immer noch sehr beliebten Entenschnabel-Hüten bildete, zum Gipfel hinauf.

Das Gute an den anwesenden Menschen ist, dass man nie wirklich Angst haben muss, den falschen Weg zu nehmen oder sich gar zu verlaufen. Man trottet einfach der Herde hinterher. Für Individualisten sind solche Touren leider nichts. Für die erfand Gott ja auch Schweden, Alaska und Patagonien. Immer wieder sieht man auf den koreanischen Bergen dagegen wagemutige mittelalterliche Männer aus den lang dahinziehenden Menschenketten ausbrechen und über steile Felsklippen springen, um den letzten Hauch von Abenteuer und Gefahr auszukosten. Sei es ihnen gegönnt, auch wenn das ständige Dröhnen der Rettungshubschrauber auf Dauer doch etwas nervte, weil alle Nase lang jemand von den Klippen gestürzt war.

Die Wege den Berg hinauf sind in der Umgebung Seouls ausgetrampelt, aber haben sich an vielen Stellen noch einen originären Zustand bewahrt. Anders als auf den breiten gut asphaltierten Kaffee-und-Kuchen-Sonntagsspazierwegen der deutschen Mittelgebirgen, muss man hier als Naturfreund noch harte Arbeit am Felsen leisten, um den Gipfelblick (nebst Foto, das für Koreaner obligatorisch ist) entsprechend genießen zu können. Es gibt Seile, an denen man sich hochziehen muss, steile Treppen, erodierende Eisengeländer und den ganzen Spaß, den ich aus der slowakischen Hohen Tatra kenne.

Damit sind die Touren von vornherein nicht unbedingt gemütlich, sondern eher sportlich zu nennen. Die abgeleistete Distanz liegt bei einer solchen Wanderung selten über 10 Kilometer, dafür fressen sich die anstrengenden Höhenmeter langsam aber sicher in die Gelenke. Abends kann man wunderbar schlafen, verspürt erfreulicherweise aber am nächsten Tag keinen Muskelkater.

Die Begegnung mit den Eingeborenen ist stets freundlich. Mal werden geistige Getränke angeboten, mal wird interessiert genauestens die Kleidung und Haarschnitt der ausländischen Wandervögel inspiziert und schließlich auf die Picknickutensilien: was sie bei ihrem Picknick so verputzen. Wir guckten natürlich gleich zurück und sahen folgendes: die Standard-Wegzehrung für viele Koreaner ist das "Kimbab" (in Seetang eingewickelter Reis mit Käse-, Fleisch- oder Gemüsefüllung), aber auch "Ramyon" (Nudelsuppe im Thermosbehälter), dazu kredenzt man Alkohol: "Makkoli" und "Soju" in ungewöhnlich überdimensionierten Flaschengrößen.

Erstaunte Blicke ernteten wir beim Verstecken unserer Osterpräsente. Deshalb war es dieses Jahr auch so leicht, alle Verstecke aufzuspüren - man musste einfach nur in die Richtung laufen und hinter den Baum gucken, hinter den auch das doppelte Dutzend neugieriger koreanischer Wanderfreunde zuvor schon geschaut hatte.

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9.3.07

Verstopfung

Wenn man sich ein Gebäude wie einen menschlichen Körper vorstellt, dann wären die Zimmer die inneren Organe, die Flure die Blutbahnen, die Fahrstühle die Nervenleitungen und das Treppenhaus der Verdauungstrakt.

So gesehen war das, was mir am vergangenen Mittwoch passiert ist, eine gewaltige Verstopfung, unter der die Udang Hall (ein Gebäude mit vielen Seminarräumen) litt. In den beliebten Mittags- und frühen Nachmittagsstunden, wenn einige hundert Studenten die Treppen zu ihren Kursen hinauf eilen, andere Studenten aber im gleichen Moment das Gebäude verlassen wollen, weil ihr Kurs zu Ende ist, ballt sich die koreanische Jugend auf den Stufen zu einem unentwirrbaren, -entrinnbaren, -ausweichlichen Gemenge aus Körpern, Taschen und einer exorbitant hohen akademischen Brillendichte zusammen, die jeden Verkehrsexperten zu Forschungszwecken erfreuen dürfte.

An diesem speziellen Mittwoch ging jedenfalls für fünf Minuten nichts mehr. Kein Vorwärtskommen, kein Zurückweichen. Ich brauchte für den Weg aus der dritten Etage ins Erdgeschoß geschlagene fünf Minuten, um mich aus dem Gewimmel zu befreien. Normalerweise trabe ich in zehn Sekunden hinunter ins Freie.

Wenn nun eine Panik ausgebrochen wäre...

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7.3.07

Rotmäntelchen

Diesen Winter bei den jungen Koreanerinnen schwer angesagt: rote lange Stoffmäntel, die bis über die Knie reichen. Fängt eine damit an, haben ein paar Wochen später Dutzende andere Frauen diese Wintertextilien übergeworfen.

Individualismus? Sucht man hier vergebens. Fahren Sie nach Japan!

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Eigenpost

Heute wieder auf dem Campus gesichtet: einen Menschen mit der T-Shirt-Aufschrift "Eigenpost". Das ist weder irgendein sinnvoller Name, noch eine Marke, noch irgendein deutscher Begriff. In den Augen der Koreaner schaut"Eigenpost" aber sehr exotisch aus.

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6.3.07

Semestereröffnungsparty 2007

Es lässt nach. Zwar werden wieder Hähnchen und Krautbeilagen serviert. Auch die Rettichwürfel dürfen nicht fehlen. Manchmal schreit jemand laut einen Trinkspruch heraus. Aber damit erschöpfen sich schon die Parallelen zum letzten Jahr, als ich noch jung und frisch an der KU angefangen habe.

Die Studenten können nicht mehr soviel trinken. Um halb zwölf verlassen die meisten Gäste das Lokal. Es gibt keine Musik und es wird auch nicht getanzt. Auch nicht auf den Tischen. Gepflegte Unterhaltung. Ich tausche zweimal Telefonnummern aus.

Bin leicht beschwingt und ein bisschen glücklich.

Früher war alles schlechter.

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