23.4.07

Wunschdenken und Wirklichkeit in Korea

Auf nukus Blog wurde vor einiger Zeit ein interessanter Gästebucheintrag einer Koreanerin veröffentlicht, auf den ich an dieser Stelle hinweisen will sowie auf die spannenden Kommentarbeiträge.

Den Senf, den ich dazu dort abgegeben habe, gebe ich hier - geringfügig verändert - nochmal ab. Doppelt hält bekanntlich besser.
Erstmal vielen Dank für diesen mutigen Beitrag von Jooeun Yi, der viel erklärt, auch vor sogenannter "Nestbeschmutzung" nicht zurückschreckt und offensichtlich die deutschen Leser stark polarisiert (siehe vorige Kommentare).


In der Tat versucht Korea gerade einen wahnwitzigen Spagat zwischen wirtschaftlichem Erfolg und gesellschaftlicher Harmonisierung unter gleichzeitiger Beibehaltung traditioneller Denkweisen und Rollenbilder hinzubekommen. In anderen Ländern, insbesondere in Westeuropa, sind solche wirtschaftlichen Entwicklungen fast immer in langen Zeiträumen und mit gesellschaftlichen Veränderungen einhergegangen. Beispiel: Das Zeitalter der europäischen Aufklärung Ende des 18. Jahrhunderts konnte erst stattfinden, nachdem das Bürgertum erstarkt war und sich zunehmend von Adel und Klerus emanzipierte. Mit der finanziellen Unabhängigkeit des Bürgertums fanden auch neue geistige Strömungen einen Nährboden. Umgekehrt ging (bzw. geht) das nicht in der Geschichte: erst die Theorie vom Sozialismus/Kommunismus bei Marx und Engels, dann 80 Jahre später der durchgeplante gesellschaftliche Umbau in Sowjetrussland und anderen Ländern. Da fehlte es zwar nicht am Bedürfnis, etwas in der Gesellschaft verändern zu wollen, aber die Idee des Kollektivismus widersprach der menschlichen Eigenart, etwas allein besitzen zu wollen.


Nun kann man die europäische Geschichte ganz sicher nicht 1:1 auf andere Kulturen übertragen. Als historisch-evolutionäres Leitbild (Marx, ick hör dir schon wieder trapsen!), dass bestimmten Mustern, Ideen und "Klassenkämpfen" (naja, nennen wir es "Folge von Generationenkämpfen") von Zeit zu Zeit in der Geschichte folgt, mag es aber hinreichend als Erklärungsmodell dienen.


Die jüngere koreanische Generation wird sich dieses Festhalten an überlieferten Formen des Zusammenlebens innerhalb der Familie und Partnerschaften angesichts gewachsener Konsumwünsche, steigender persönlicher Unabhängigkeit und eines selbstbewussteren Umgangs mit anderen Menschen auf Dauer nicht gefallen lassen, von der sooft beschworenen "Tradition" bei privaten Entscheidungen gängeln zu lassen. Dafür sorgen schon die Helfershelfer der globalisierten Welt: zunehmende mediale Vernetzung, zielgruppenrelevantes Marketing und Erschließung neuer Märkte. Die Wirtschaft kann mit dem Begriff "Tradition" nichts anfangen, solange man damit kein "Image" oder eine "Marke" verkaufen kann. Auch wirkt das so heftig von beiden Seiten attackierte "hierarchische Denken" innerhalb der koreanischen Gesellschaft vielleicht hemmend auf die einzelne Person, aber als gesellschaftliches Phänomen betrachtet, übernimmt es eine eher ordnende Funktion. Jeder Koreaner kennt seinen Platz in der Gesellschaft. Das widerstrebt zutiefst dem europäischen Gleichheitsgedanken, aber warum sollte ausgerechnet der das Allheilmittel für alle Probleme auf dieser Welt sein? Die Amerikaner sind bei diesem Versuch mit ihrem Vorgehen neuerdings im Irak kläglich gescheitert. Das Land wird dort auch in Zukunft nicht durch den Demokratiegedanken westlicher Prägung befriedet werden können.


Insofern würde ich diese Debatte über kulturelle Unterschiede gern noch einmal in 20 Jahren führen und mir anschauen, ob sich "fremde Kultur" zukünftig nicht in Diskussionen über die Länge der Reisezeit in ein anderes Land oder der Suche nach der besten Übersetzungssoftware für die Landessprache erschöpft. Die Evolutionstheorie Darwins ließe sich etwas modifiziert auch auf menschliche Formen des Zusammenlebens übertragen. Mal sehen, wer der Stärkere ist und sich durchsetzt - Tradition oder Kapitalismus. Wie viele Reste des sogenannten "Weltkulturerbes" man dann noch bei den Menschen auf den verschiedenen Kontinenten finden kann, wie viel sie über das Leben und die Bräuche ihrer Vorfahren wissen, und wie viele Bestandteile der Kulturgeschichte (wie z.B. Essen, Musik, Feste, etc.) als "Spezialität" oder "Attraktion" in einem Online-Museum zur Belehrung und Erbauung nachfolgender Generationen dienen... wer weiß?!

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1 Comments:

At 23/4/07 15:25, Blogger gitte said...

hallo stefan
dein bild der zukunft hört sich ja ganz schön pessimistisch an. aber du hast recht, es ist schwer einzuschätzen, wohin sich korea bei all seiner dynamik entwickelt.
was du über die ordnung der gesellschaft durch die unter generalverdacht stehenden hierarchie gesagt hast, finde ich richtig. meiner meinung nach macht das das zusammenleben leichter und einfacher (sagen wir mal, solange der 'patriarch' seine macht nicht gnadenlos ausnutzt). die gleichheit westlicher länder beruht doch auch nicht auf genereller gleichheit, sondern auf leistung (also dass sich jeder einen guten platz in der gesellschaft erarbeiten kann, d.h. dass man sich respekt verschaffen und verdienen muss), oder?

 

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