29.3.08

Korea - So geht's

Den Monty-Python-Sketch über das "Ministry of Silly Walks" sollte jedem, der schon länger darüber nachgedacht hat, wie individuelle Laufstile bei den Menschen entstehen, bekannt sein.

Koreaner gehen nicht, Koreaner bummeln. Die durchschnittliche Laufgeschwindigkeit in Seoul liegt bei ungefähr einer halben Schaufensterscheibe pro Minute. Niemanden scheint das hier zu stören, denn wenn jeder so läuft und alle so gemütlich vor sich hintrotten, gibt es auch keine Probleme. Trotzdem passiert es in einem fort, dass man von sehr kleinen älteren Damen die Handtaschen gegen das Knie gerammt bekommt. Oder man Menschentrauben ausweichen muss, die eine Gruppe bilden und sich gern an Ein- oder Ausgängen in aller Ausführlichkeit begrüßen oder verabschieden und ungerührt stehenbleiben. Rücksicht ist etwas für Leute, die es sich leisten können. Beliebt für abweichendes Gehverhalten sind im übrigen auch die Treppenaufgänge, wenn plötzlich die Gesetze des Rechts-Links-Straßenverkehrs aufgehoben sind und plötzlich die Koreaner auf der linken Seite die Treppen hinabsteigen und rechts hinaufsteigen, wo sie ansonsten auf dem Bürgersteig immer so laufen, wie man es aus Europa (von England mal abgesehen) gewohnt ist. Es gibt außerdem ein Gebäude an der Korea Universität, wo man sehr gut beobachten kann, wie sich riesige Menschenmengen verhalten, die schnell ein Gebäude verlassen bzw. betreten müssen und sich so ineinander im Treppenhaus verkeilen, dass es für einige Sekunden weder vor noch zurück geht. Eingesperrt zwischen Teenagern steht man da und wartet, dass sich die lahme junge Elite des Landes, die sich über eine gesamte Treppenstufe verteilt hat, endlich für das nachmittägliche Kaffeetrinken verabredet hat.

Ärgerlich wird dieses Verhalten der Eingeborenen für Leute aus Berlin. Berliner bummeln nicht. Berliner haben keine Zeit. Berliner haben es immer eilig. Es ist nicht dieses vorgetäuschte Beschäftigtsein, um sich andere Menschen vom Leib zu halten. Trödeln, flanieren, spazieren bedeutet Stillstand. Der Berliner hat wirklich keine Zeit. Er rennt, er schnauft, er hastet durchs Leben. Es ist für ihn eine Autobahn, kein Trampelpfad. Wenn er auf Leute trifft, die bummeln, wird er unwirsch.

Treffen nun diese beiden Spezies, der Seouler und der Berliner, aufeinander und haben den gleichen Weg vor sich, ergibt sich eine Art Ballett, denn der Koreaner versucht sich anzupassen und seine Schritte zu beschleunigen und sich nach oben zu strecken, um das Gespräch aufrechtzuerhalten, während der Deutsche kleinere Schritte macht und seine Haltung verkrümmt, um sich nach unten zu beugen und die leise gesprochenen Worte zu verstehen, die von unten zu ihm hinauf dringen. Schön ist das nicht und ich glaube, die Spätfolgen dieser anstrengenden Form des Gehens wird man erst in den nächsten Jahrzehnten erkennen. Aber es soll niemand behaupten, ich hätte auf dieses Problem nicht schon jetzt hingewiesen.

Ich habe bisher nur einen Koreaner getroffen, der mit mir Schritt halten kann. Der mehrheitliche Rest ist mir einfach zu träge.

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3 Comments:

At 29/3/08 21:23, Blogger Jens-Olaf said...

Koreaner heben beim Gehen die Unterarme außergewöhnlich hoch. Ähem, sie schlenkern. Warum sie das machen, ist mir noch eine Rätsel. Ich arbeite daran.

 
At 29/3/08 22:58, Blogger sca said...

Ich glaub, ich mach eine Artikelserie daraus und untersuche demnächst mal, warum Koreanerinnen ihre Handtaschen am abgewinkeltem Unterarm herumtragen.

 
At 30/3/08 10:00, Blogger Gitte said...

Jaaaaa! Ich bin zwar kein Berliner, habe aber ähnliche Probleme. Ich krieg dann immer zu hören: Weil du so lange Beine hast, kannst du einen Schritt machen, wenn wir zwei machen müssen, deswegen bin ich immer viel schneller. Da ist was dran, aber solange Koreaner nicht morgens in der Rushhour zu spät sind und schnell zur Arbeit müssen, laufen sie wirklich extrem langsam, stehen auf beiden Seiten von Rolltreppen, bleiben plötzlich ohne bestimmten Grund stehen...
Das mit den Handtaschen... das ist die Mode, oder? Koreanerinnen sind sehr leidensfähig, wenn es um Schönheit geht.

 

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