30.3.08

Was sollen nur die Leute denken

Als ich noch zur Schule ging, gab es an unserem Gymnasium eine Band mit dem schönen Namen "Die Frustration des Elches". Sie spielten Musik, zu der man nicht tanzen konnte.

Das hat zwar überhaupt nichts mit der Frage zu tun, warum ich ausweichend reagiere, wenn ein koreanischer Student mich fragt, warum ich keine Musik aus Deutschland im Unterricht spiele.

"Time-consuming" ist ein treffender Ausdruck, den ich von nun an gern zur Antwort geben werde. Gehört habe ich diese englische Wendung, als meine Freundin erklärte, dass man an einer koreanischen Highschool niemals Übungen im Unterricht machen dürfe, die "time-consuming" seien. Das stünde so festgeschrieben in der Schulordnung. Da musste ich erst einmal herzlich lachen. Denn im Prinzip kostet ja alles Zeit im Unterricht: Grammatik erklären genauso wie Wörter wiederholen genauso wie Schreibübungen genauso wie Aussprachetraining genauso wie Bilder zeigen genauso wie Gedichte aufsagen genauso wie Lieder singen genauso wie Prüfungen schreiben. Gern hätte ich erfahren, wie ein Unterricht ohne "time-consuming" abläuft, aber meine Freundin bekam die Stelle an dieser koreanischen Highschool dann doch nicht.

Zum Glück wurde ich von Koreanern noch nicht gefragt, ob ich überhaupt deutsche Musik höre oder ich irgendwas empfehlen kann. Rammstein, Grönemeyer, Silbermond, Tokio Hotel, Juli, Wir sind Helden und Nena - ich bringe es einfach nicht übers Herz, diese Künstler zu nennen, denn wir leben ja mit McD und StarB. schon in einer reichlich globalisierten Welt. Warum sollte ausgerechnet der deutsche Mainstream nach Ostasien exportiert werden, wenn ich diese Musik privat nicht höre.

Ich möchte anhand von vier Beispielen zeigen, warum die Musik, die ich privat höre, sich nicht für den Deutschunterricht eignet. (Jaaa, wenn ich in einer Freakshow unterrichten würde, wäre das alles ganz anders. Aber ich will niemanden mit dem Aussehen, der Kleidung, der Lautstärke, den Texten verstören oder gar dauerhaft verschrecken. Ich lasse also ganz bewusst andere Menschen in ihrem Glauben, dass Musik aus Deutschland langweilig und brav ist.)

The Inchtabokatables - Die Taube



Der Text geht bei den "Inchies", wie sie von ihren Fans einst liebevoll genannt wurden, schon mal gar nicht. Nicht im Unterricht, nicht zum Nachsingen und auch nicht zum Gruppentanz im Deutschkurs. Da ist Rammstein der reinste Kindergeburtstag dagegen. Außerdem hat sich die Band 2002 aufgelöst, hat also auch den Nimbus des Zeitgemäßen schon eingebüßt.

Knorkator - Weg nach unten



Nackte tätowierte Männer am Strand- geht auf gar keinen Fall! In Korea, wo die Rocklänge noch nicht einmal etwas über die Konjunktur aussagt (obwohl einige Wirtschaftswissenschaftler da gerne einen Zusammenhang deuten), weil doch die Jugendarbeitslosigkeit so hoch ist. Der Refrain ist zu düster, der "Satansgesang" (Zitat der mithörenden Freundin) bohrt sich in den Kopf und selbst die heitere Note am Ende mag den finsteren Gesamteindruck, den das Lied hinterlässt, nicht zu überdecken.

Pyranja - Im Kreis



Textausuzug: "Für die kopflosen Klopskinder kommt noch ne Extraweisheit: Es gibt nur Gelegenheiten, wenn man wirklich dabeibleibt. Hab niemanden drum gebeten, bei dem Zeug hier durchzudrehn, doch ich freu mich über jeden, der mein Shit digged und versteht."
Shit diggen, soso. Sagt man das jetzt so, wenn man jemanden lobt? Selbst ich als Berliner hatte so meine Probleme, das alles in seinem Umfang und "Tiefgang" zu verstehen. Das kann man dann wohl auch keinem Deutschlerner auf Anfängerniveau mehr zumuten. Ganz böse übrigens: Schwarzfahren! Hey, Kids, bezahlt gefälligst die Fahrscheine, wenn ihr schon die U-Bahn nehmt.

Icke & Er - Richtig Geil




Auffällig viel Musik aus Berlin hat sich hier versammelt. Bei "Icke & Er" hört man es wohl am deutlichsten - und kommt deswegen zum Deutschlernen am wenigsten in Frage. Ich will keine Koreaner hören, die "icke" und "Butze" und "urst" sagen. Da klingt das "ichiiih" und "Wohenunege" und "sääh" für mich mittlerweile sehr viel vertrauter und niedlicher.

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