3.6.08

Jung ist man nur einmal im Leben

Mir fiel vor ein oder zwei Wochen auf, was koreanische von deutschen Studenten unterscheidet. Beim Gang über den Campus der Korea Universität sah ich, wie vor allem die Studentinnen bunte Luftballons in den Händen hielten. Eine Woche vorher waren es bunte Blumensträuße oder kleine Blumenkörbchen. Kein deutscher Student würde sich so an der Universität blicken lassen (von Abschlussfeiern mal abgesehen).

War ich vor 10 Jahren auch so?

Als im Unterricht ein Student erzählte, dass er am Wochenende bei einer politischen Demonstration gewesen war und gegen den Präsidenten gekämpft hatte, entglitten mir fast die Gesichtszüge, denn von mir hat er diesen Wortschatz nicht gelernt und auch die Entschlossenheit, mit der er sprach, überraschte mich. Koreanische Studenten sind noch unpolitischer als deutsche Studenten, interessieren sich mehr für ihre privaten Interessen oder ihr Studium. Mir kommt es oft so vor, als hätten junge Koreaner viel weniger Ahnung, was in der Welt da draußen vor sich geht.

Wer studieren kann, der zählt bereits zu den gesellschaftlichen Gewinnern. Die Studiengebühren sind relativ hoch. Nicht jede Familie kann es sich leisten, die eigenen Kinder an eine Hochschule zu schicken. Hier ist man als Student froh, zu den Privilegierten zu gehören, die nicht mit Anfang 20 schon in einer Firma arbeiten müssen, weil sie dringend Geld brauchen. Studieren bedeutet in Korea vor allem eine Atempause zwischen Schule und Arbeit. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass fast jeder Koreaner auch studiert hat. Wie hoch der Anteil der Akademiker in Deutschland ist, kann ich schwer abschätzen, aber ich denke, er liegt deutlich unter den koreanischen Zahlen. Ein abgeschlossenes Studium heißt aber nicht, dass man automatisch einen Job bekommt. Dabei spielt vor allem eine Rolle, an welcher Uni man studiert hat. Wer eine der drei großen und wichtigsten Unis (Seoul National, Korea Uni und Yonsei) besucht hat, der hat gute bis sehr gute Karrieremöglichkeiten, auch wenn ich mir in letzter Zeit habe sagen lassen, dass das auch nicht mehr so stimmt. Die Jugendarbeitslosigkeit in Korea ist in vergangener Zeit stark angestiegen.

Korea hat zwar einen hohen Anteil an Studenten, aber das bedeutet nicht zwangsläufig, dass Korea die besseren Hochschulabsolventen hat. Ich möchte keine pauschalen Urteile abgeben, sondern nur meine Eindrücke erzählen. Koreaner lernen nicht mehr und nicht weniger an einer Uni, auch wenn sie sich pro Tag viel länger an der Universität aufhalten. Das ist aber auch nicht weiter verwunderlich, denn die wenigsten haben hier eine eigene Wohnung (weil Wohnraum in Seoul ganz einfach zu teuer ist) und wohnen deshalb noch bei ihren Eltern. Hinzu kommt, dass die Wohnungen der Familien in teilweise weit entfernten Vierteln liegen und die Studenten jeden Tag lange Fahrtwege zurücklegen, um zur Uni zu kommen. Da liegt es nahe, dass man sich den ganzen Tag an der Uni aufhält. Man darf für Seoul nicht den Maßstab einer kleinen familiären Campus-Uni in einer mittelgroßen deutschen Stadt anlegen, wo die Uni fester Bestandteil der Stadt ist. Die Korea Universität ist nur eine von Dutzenden anderer Unis in Seoul.

Gelernt wird an einer koreanischen Universität nur zweimal pro Semester: für die Zwischenprüfung und für die Abschlussprüfung. Natürlich gibt es auch jede Menge Hausarbeiten, Kontrollen, Tests usw. während des gesamten Semesters, auf die sich die Studenten vorbereiten. Aber wirklich viel Lernzeit investieren sie nur in die beiden wichtigsten Prüfungen in der Mitte und am Ende des Semesters.

Es gibt spezielle Lernräume für die koreanischen Studenten, auf die jeder deutsche Student, der sich einen Arbeitsplatz in der Bibliothek erkämpft hat, neidisch wäre. Zu Hause ist es eng und laut und die Familie hockt sich ständig auf der Pelle. An der Uni hat man seine Ruhe und relativ viel Freiheit beim Lernen. Ich habe beobachtet, dass die Mehrheit der Koreaner zwar viel lernt und viel Zeit in den Lernräumen verbringt. Allerdings stehen sie auch gern grüppchenweise rauchend vor der Tür oder trinken Kaffee oder halten hier ein Schwätzchen und da einen Plausch. Ich kann also nicht mit Sicherheit sagen, dass ihre Ergebnisse besser wären oder sie disziplinierter lernen.

Was mir an deutschen Hochschulen fehlt, hat sich an koreanischen Unis über Jahrzehnte hinweg neu eingebürgert. Ich meine studentische Traditionen, Feste und Feiern, Jubiläen. Man verspürt einen gewissen Stolz, dazu zugehören. Oft wurde der 68-er Generation von konservativen Politikern vorgeworfen, dass sie die deutschen Hochschulen so gründlich von ihrem Muff befreit hätten, dass auch die ganzen Traditionen verschwunden wären. Nun leben die Deutschen nicht mehr im Jahr 1968. Die Erde hat sich weiter gedreht, aber es wird nur vereinzelt an deutschen Hochschulen Wert darauf gelegt, die Universitätsstudenten gebührend zu begrüßen und zu verabschieden. Das würde in Korea gar nicht funktionieren. Hier ist der Werdegang der Kinder für die Eltern ein wichtiges Element. Man will wissen, wo sie studiert haben, man zeigt mit Stolz und sehr viel Selbstbewusstsein, wo welches Uni-Gebäude steht. Am Anfang und Ende des Studiums bzw. des Semesters reist die ganze Familie an, um den Sprößling zu fotografieren, mit Blumen zu beschenken und sich alles zeigen und erklären zu lassen. Die Studiengebühren sind hoch genug, also kann man für das investierte Geld auch etwas Schauwert erwarten. Und die Universität selbst lässt sich nicht lumpen und freut sich über die Imagewerbung. Im Gegenzug finanziert sie teure Festivals für die Studenten, Sportfeste, Partys, die Studentenclubs usw.

Ich kenne nicht viele Studenten in Deutschland, die von sich behaupten, dass sie stolz darauf waren an ihrer Uni studiert zu haben und sich mit deren weiterer Entwicklung beschäftigen (z.B. in Form großzügiger Spenden). Hier ist das selbstverständlich.

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2 Comments:

At 4/6/08 16:34, Blogger jakub p. said...

als ich letztes jahr an der yonsei war, hatte ich eine bekannte die schon so gut koreanisch konnte, dass sie die erlaubnis bekommen hat, am koreanischsprachigen unterricht teilzunehmen. ein wirklich sehr kluges mädchen und sehr lernfleißig. nach der ersten zwischeprüfung kam der prof. auf sie zu und meinte sie solle sich überlegen ob sie den kurs nicht abwählt. als grund meinte er, dass sie mit dem wissenstand der koreanischen mitstudenten nichtmal im ansatz mithalten kann da sie deren lernmethoden nicht gewohnt ist.

koreaner lernen nicht. sie merken sich alles was sie wissen müssen. dementsprechend verbringen sie tage und wochen nur damit ganze bücherreihen auswendig zu lernen. ich halte nix davon und selbst einige koreanische profs finden das nicht toll, aber so ist im moment das system.

vielleicht ne gute ergänzung wäre noch zu sagen, dass man als student in korea endlich "frei" ist. die eltern zwingen ihre schützlinge in private schulen zu gehen und sich mit büchern bis spät in die nacht zu beschäftigen bis sie die uni-aufnahmeprüfung bestehen. dann betrachten sie ihre pflicht als getan und der student kann machen was er für richtig hält. die folge ist klar: gerade im ersten jahr toben die sich nur aus was insbesondere die ecken "sinchon" und "hongdae" einen besser verstehen lässt...

viele grüße aus berlin

 
At 16/6/08 11:02, Anonymous Anonym said...

Ihr habt das gut auf den Punkt gebracht. Danke für die Einblicke. Jakub, was ist aus Deiner Bekannten geworden? War sie wirklich so schlecht in der Zwischenprüfung, dass sie kapitulieren musste?
maro

 

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