29.10.06

Mein Radar

Ich bin wirklich kein unhöflicher Mensch. Aber in Korea stoße ich an meine Grenzen, denn ich fühle mich schuldig für etwas, wofür ich im Grunde wegen meiner körperlichen Beschaffenheit gar nichts kann, aber mir selbst einrede, nicht korrekt zu handeln, weil ich es einfach übersehe.

"Es" einfach übersehen. Diese Wortgruppe trifft es ganz gut. Mit "es" sind die netten bekannten und unbekannten koreanischen Gesichter gemeint, die mir zuwinken, oder "Hallo" rufen oder auch mal leicht irritiert "Herr Carl" schreien. Und das zu Recht! Ich laufe schnurstracks an den Leuten vorbei, ohne sie wahrzunehmen, was vielleicht als Unhöflichkeit oder Arroganz ausgelegt wird. Dabei bin ich gar nicht so. Ich grüße selbst, wenn ich in ein Restaurant oder einen Laden gehe und die Bedienung nicht zurückgrüßt. Das ist mir egal.

Die Ursache für mein vermeintlich unhöfliches Verhalten ist am ehesten in meiner Körpergröße zu suchen. Unter all den kleinen Koreanern fühle ich mich wie ein amerikanischer NBA-Spieler, der aufpassen muss, nicht jemanden umzurennen oder ihm/ihr auf die Füße zu latschen. Ein Spaziergang durch Seoul wird deshalb schnell stressig für mich und ich vermeide es, allein durch Straßen mit tausenden herumwuselnden Menschen zu gehen. Und solche Straßen sind hier leider die Regel, nicht die Ausnahme. Ein kleines Bild mag die Unterschiede in der Laufrichtung verdeutlichen.
Insa-Dong ist in dieser Hinsicht eine gaaanz gefährliche Gegend und ich gehe da auch nur mit Leuten hin, die ähnlich hoch gebaut sind wie ich. Noch schlimmer ist Myong-Dong, denn da liegt der Altersdurchschnitt bei schätzungsweise 20 Jahren und junge Leute sind noch agiler und sprunghafter in ihren Bewegungsabsichten. Da ist nicht mehr berechenbar, wer wo gerade hinlaufen will, woher plötzlich diese kleinen wendigen Motorradfahrer auf dem Bürgersteig auftauchen oder ob nicht eine Kinderhorde, "miguk saram" ("Amerika-Mensch", Amerikaner) bläkend, den nahe vor dem physischen Overkill stehenden Europäer umkreist.

Führen wir uns zur Auflösung des Phänomens kurz die anatomischen Beschaffenheiten vor Augen, die zu so vielen Missverständnissen führen kann. Folgende Skizze, die ich in mühseliger halbstündiger Handarbeit am PC malte, soll diese schwierige Situation zwischen Ausländern und Koreanern verdeutlichen:

Mein Radar reicht einfach nicht so weit in die Tiefe. Gern tauchen die Koreaner immer erst zwanzig Zentimeter vor meinem Körper entfernt auf und winken wie die Wahnsinnigen, um meine Aufmerksamkeit (und meinen Gruß zurück) zu erhaschen. Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge haben Männer aus evolutionsgeschichtlichen Gründen ja auch einen ausgeprägten Fernblick, den sie in der menschlichen Frühzeit bei der Jagd gut gebrauchen konnten. Ich habe bei mir selbst beobachtet, dass diese These absolut richtig ist. Einzelne Personen ab 5 Meter Distanz kann ich wunderbar unterscheiden und nach bekannt (Kopfnicken als Begrüßung) oder unbekannt (keine körperliche Reaktion) einteilen.

Was aber erlebe ich in Korea? Menschentrauben! Menschenmassen! Gruppen in Versammlungsgrößen, die an mir vorbeilaufen! Kleine Demonstrationszüge, in denen ich zwar einzelne Gesichter ausmachen kann, die ich eventuell vielleicht wahrscheinlich irgendwo irgendwann irgendwie schon mal gesehen habe und die mich freundlich anlächeln, die ich aber aufgrund der entgegengesetzten Laufrichtung gar nicht so schnell in bekannt und unbekannt einteilen kann. Grüßen wird da regelmäßig zum Glücksspiel für mich.

Seit einiger Zeit beobachte ich außerdem, dass ich anfange, wildfremde Menschen zu grüßen, einfach deshalb, um nicht in die peinliche Situation zu geraten, ein bekanntes Gesicht zu übersehen.

Liebe Koreaner, die ihr meine Worte lest: Nehmt es mir bitte nicht krumm, wenn ich euch übersehe. Ich mache das nicht absichtlich, sondern ich fühle mich richtig gestresst und bin immer angestrengt darauf bedacht, alle Leute freundlich zurückzugrüßen. Deshalb habe ich manchmal auch so eine ernste Miene, da ich voll konzentriert jedes Detail in meiner Umgebung auf bekannt oder unbekannt überprüfe. (Meine Freundin nennt es "einen entspannten Gesichtsausdruck haben".) Ihr Koreaner, ihr habt es da leichter, denn einen Ausländer erkennt ihr schon auf 500 Meter Distanz und habt deshalb genug Zeit, euch einen Gruß zu überlegen.

Übrigens begrüßt man sich in Korea natürlich nicht durch einfaches Kopfnicken (zu kühl, zu minimalistisch, zu deutsch), sondern durch aufgeregtes hektisches Gewinke. Das gilt allerdings nur für gute Freunde oder zwischen (von ihrem Sozialstatus her) gleichgestellten Personen (am häufigsten allerdings bei jungen Frauen). Bei einem Professor wird sich der Student immer leicht verbeugen. Ich beobachte beim Grüßen beide Varianten. Während die Damen mir auf dem Campus zuwinken, wenn ich sie denn nicht gerade wieder übersehe, verbeugen sich die Herren der Schöpfung leicht. Wenn ich Zeit hätte, könnte ich jetzt weiter darüber nachdenken, ob das Winken als Erfolg zu werten ist (Integration, Kontaktanbahnung) oder ob nicht eher die männliche Verbeugung meinem Status als angemessenere Grußgeste zu werten ist...

Aber Zeit...

Wer hat in Korea schon Zeit für lange Erörterungen?

BamS

Nicht um die große deutsche sonntägliche Boulevardzeitung soll es hier gehen, sondern an dieser Stelle startet die neue große Fortsetzungsserie:

Bagger am Sonntag (BamS)

Motorenlärm dröhnt durch mein Zimmerchen. Pause. Tuten. Erneutes tieffrequentes Brummen. Ich versuche, die Augen zu öffnen. Öööh. Blinzel. Tuuut. Nach einigen Sekunden erkenne ich die Wanduhr und nach weiteren Sekunden stelle ich fest, dass es kurz nach 8 Uhr ist. Sonntag. Brumm. Tuuut. Sonntag!

Erstmal gucken, was draußen los ist. Ich trete auf den Balkon und sehe folgendes Bild auf dem Innenhof:

Was machen die da? Erst denke ich: Ist es schon wieder so weit, dass geheime Bunkeranlagen für die Universitätsleitung gebaut werden müssen, nur weil in Nordkorea gerade die A-Bombe bejubelt wird? Aber warum sollten sie ausgerechnet am Sonntag mit den Ausschachtungsarbeiten anfangen? Egal, ich mache ein Foto und beschließe, die Sonntagsarbeiter den ganzen Tag über im Auge zu behalten.

Update: Es ist kurz vor 12 Uhr. Nach ungefähr vier Stunden sieht die Lage auf dem Hof unten so aus:

Das kleine Stückchen Grün vor meinem Fenster wird systematisch platt gewalzt und aufgerissen. Kein Grashalm bleibt neben dem anderen stehen. Bäume werden ausgegraben und liegen samt Wurzelballen auf dem Hof. Außerdem beginnen sich die Herren Landschaftsgärtner in unregelmäßigen Abständen gegenseitig lautstark anzuschreien. Was passiert hier? Und warum ausgerechnet am Sonntag, dem einzigen Tag in der Woche, wo ich normalerweise Ruhe habe beim Schreiben?

2. Update: Gegen 16 Uhr hat sich die Kampfzone ausgeweitet. Das Rasenstück gibt es nicht mehr.

Dafür baggert der Mann im Bagger wie blöde am rechten Außenrand des Parkplatzes herum und versucht, lange Betonrohre mit seiner Schaufel herunterzuhieven. Das geht natürlich nicht so einfach und deshalb sind ab und zu koreanische Flüche zu hören. Da der Innenhof wie ein Schalltrichter wirkt, werden die Stimmen der Arbeiter gut reflektiert und zusätzlich verstärkt. An meine Arbeit ist phasenweise nicht zu denken, da der Lärmpegel dem eines nahegelegenen Flughafens entspricht.

Ach, und wann machen sie Feierabend? Feierabend gibt es in Korea nicht. Erst wenn die Arbeit erledigt ist, gehen die Leute nach Hause. Na dann, angenehme Nachtruhe.

blogger.com/home

Eine Einladung zum Schreiben. Immer wenn ich die Adresse in meinem Browser aufrufe und flüchtig darüber lese, fühle ich mich im virtuellen Zuhause. Blogger, komm heim.

Schließ die Tür auf, streck deine Füße aus und fang an zu pinseln.

26.10.06

Bitte gehen Sie weiter

Kunstpause. Hier ist zur Zeit nichts weiter zu sehen als pures Glück. Oder Glück pur.

Banal

Wenn man das Wort "Eishockey" nur schnell genug ausspricht, klingt es wie: "Alles OK."

Danke, Knorkator

23.10.06

Blogkontrolle, die Leserausweise bitte!

Bei Statcounter bin ich fast täglich zu Gast, um mir die Statistiken für Seoul Power anzusehen. Der Service kostet nichts und ist für "Bloggäbärchen", wie ich eins bin, genau das richtige Tool, um sich mal die verehrte Leserschaft ein bisschen genauer anzuschauen. (Ja, ich kenne alle eure IP-Adressen. Aber nein, ich werde sie nicht veröffentlichen. Nicht hier.)

Im folgenden eine kleine Auswahl, was in den letzten Tagen und Wochen so auf meinem Blog gesucht (und hoffentlich auch gefunden) wurde:
  • koreanische Rapper (Ja, so etwas gibt es wirklich, auch wenn sich das etwas merkwürdig anhört und der eine oder andere sich auf die Schenkel klopfen wird.)
  • schuhkauf ab lager oder auch schuhkauf seoul (Meine Schuhkauf-Geschichte muss ein echter Klassiker sein in der koreanischen Blogger-Fetisch-Szene.)
  • mietpreis seoul
  • itaewon
  • hofbraeuhaus seoul (Davon kann ich nur abraten. Das neuere Restaurant "Bärlin" nebst Bar plus gesprächigem deutschen Wirt hinter der Theke ist um Längen besser. Restaurantkritik folgt demnächst.)
  • wenn aus dem schrecklichen gewühle (Ein Goethe-Zitat aus "Faust"; wie Google allerdings dabei auf meine Seite stösst, entzieht sich meiner Kenntnis. Darüber wollte ich doch erst in einem Monat was schreiben. Langsam wird mir Google ein bisschen unheimlich.)
  • seoulpower (Immer öfter sehe ich diesen Suchbegriff, was mich einerseits freut, andererseits aber falsch geschrieben wird - und nichts wirkt auf einen Deutschlehrer provozierender als ein falsch geschriebenes Wort. So, und jetzt hört mal gut zu, liebe Stammleser, die ihr immer noch nicht wisst, was ein RSS-Feed ist und wie man einen solchen oder ein simples Lesezeichen in seinem Browser anlegt: Seoul Power schreibt man so - groß und getrennt.)
Ich versuche ja immer, möglichst hochwertigen exklusiven brandaktuellen Inhalt über Korea, Südkorea, Seoul, die koreanische Kultur, die Koreaner im Allgemeinen und Speziellen hier abzuliefern. Hüstel. Schon allein die Häufung von so vielen Suchbegriffen in einem einzigen Eintrag dürfte die Leserzahlen sprunghaft ansteigen lassen.

Jetzt tippe ich noch schnell ein paar Suchbegriffe ein, die ich mir von meinen Lesern wünschen würde:
  • muelltrennung korea
  • schamanismus korea
  • autofarben korea
  • sonnenschirme korea
  • oh wie niedlich korea
  • visitenkarten korea
Nur dumm irgendwie, dass ich dafür wohl noch nicht ausreichend content produziert habe. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Kakis

Wir sind mitten in der Kaki-Saison. Neulich sah ich einen Obsthändler (einen von dieser motorisierten Bande, die mit ihren Endlosschleifen an Durchsagen und Werbung für ihre Produkte die Passanten akustisch quälen), der fünf Stück dieser leckeren Früchte für 1500 Won anbot. Wer unterbietet diesen Preis?

Zuviel Kakis führen allerdings zu Verstopfung, wurde ich von einem Kollegen belehrt. Die Koreaner wissen einfach alles.

Gesehen auf dem Gelände des Ganghwa History Museums auf Ganghwado am 14.10.2006.

22.10.06

Fünf Patronenhülsen

Am 1. Oktober starb Frank Beyer, einer der herausragendsten DEFA-Regisseure. Die "SuperIllu", die ich zwar nicht lese, deren DVD-Beilagen ich jedoch sammle (dafür ein längst überfälliges Dankeschön an die Hohenschönhausener!), hat seit einiger Zeit einen interessanten Deal mit der Icestorm Entertainment GmbH geschlossen und veröffentlicht einige auch heute noch sehr sehenswerte DEFA-Spielfilme. Darunter befinden sich Filme von Frank Beyer, z.B. "Spur der Steine", "Karbid und Sauerampfer" und "Fünf Patronenhülsen". Um den letztgenannten Streifen soll es heute gehen.

Über den Inhalt des Films und die historischen Hintergründe kann man sich anderswo besser informieren. Mir geht es um die Aktualität des filmischen Szenarios und die Motivationen der handelnden Personen. Ich behaupte, dass dieser Film auf eine andere Weise aktueller und näher an den historischen Ereignissen dran ist, als das Hollywoodkino mit seinen verkitschten Filmen wie "Pearl Harbour" oder "Der Soldat James Ryan".

Auf den ersten flüchtigen Blick erzählt Frank Beyer eine konventionelle Geschichte. Ein Himmelfahrtskommando aus (anfangs sieben, später fünf) Interbrigadisten soll den Rückzug der republikanischen Armee im Spanischen Bürgerkrieg sichern und gerät dabei an wichtige Aufmarschpläne der gegnerischen faschistisch-nationalistischen Truppen. Diese Pläne werden in fünf Patronenhülsen (daher der Name) versteckt und sollen zum Stab der Republikaner gebracht werden. Bis hierhin folgt der Film klassischen Erzählmustern.

Was dann beginnt, ist ein Höllentrip, der die Beteiligten an den Rand des physischen Kollapses führt. Wasser ist ein knappes Gut in der sengenden Hitze der spanischen Bergwelt und dieser permanente Mangel stellt die Gemeinschaft immer wieder auf harte Proben. Das geht so weit, dass diejenigen, die sich der Gruppendisziplin widersetzen und persönliche Ziele verfolgen, sterben müssen. Armin Müller-Stahl, der einen französischen Soldaten spielt, bezahlt seine Gier nach Wasser mit dem Leben. Die Symbolik des Wassers als lebensspendendes und -erhaltendes Element wird hier in sein Gegenteil verkehrt. Wasser bedeutet Tod. Und wer seinen Durst nicht bezwingen kann, muss sterben.

Das ewige Dilemma, wann man als Mensch persönlich zurückzustecken hat, um sich einer Gemeinschaft unterzuordnen, ist eine immer noch aktuelle Frage. Für die libertäre individualisierte westliche Kultur stellt sich diese Frage nur in Ausnahmefällen, nämlich dann, wenn sie mit anderen Auffassungen kollidiert. Die einen nennen es volle Entfaltung der persönlichen Freiheit, die anderen nennen es Egoismus. Die Wertedebatten zwischen Christentum und Islam bzw. Europa/Nordamerika auf der einen und Asien auf der anderen Seite, die zur Zeit stattfinden, beweisen nur, wie wichtig solche Themen immer noch sind. Mittlerweile ist es angesichts der immer breiteren Kluft zwischen den sozialen Schichten kaum noch vorstellbar, dass es eine Zeit in Europa gab, wo die gesellschaftlichen Vorstellungen einmal anders verortet waren.

Selbst die in diesem Film gezeigte kommunistische Moral des Zusammenhaltens bekommt in verschiedenen Szenen spürbare Risse. Wenn es um die eigene Existenz geht, vergisst man seine Ideale. Der Lebenserhaltungstrieb ist immer noch stärker als jede menschliche Idee, für die es sich im Grunde niemals lohnt zu sterben. Hier machte Frank Beyer eindeutig Zugeständnisse an die Filmzensur, die es in der DDR gab, wenn er die Gruppendynamik auf ein überschaubares Restrisiko eindampft. Wie die Darsteller in seinem Film ordnet sich auch der Regisseur im wirklichen Leben unter, um weiterhin Filme machen zu dürfen. Das klingt vom Tonfall und in der sprachlichen Intention in Frank Beyers fünf Jahre später gedrehtem Film "Spur der Steine" dann deutlich anders. Die Idee der Gemeinschaft und des Gemeinwohls stößt in der real-sozialistischen Gegenwart und Arbeitswirklichkeit auf heftigen Widerspruch, der von der Staats- und Parteiführung der DDR nicht ungesühnt bleibt: Der Film wird nach zwei Tagen verboten. Der Regisseur darf nicht mehr für die DEFA arbeiten.

Ich weiss nicht, inwieweit 1960 (das Jahr, in dem der Film "Fünf Patronenhülsen" entstand) schon klar war, wie die persönlichen Karrieren der Schauspieler sich weiter entwickeln würden. Bei der Besetzung der Figuren gab es allerdings schon einige interessante Weichenstellungen. So als würde die Künstlichkeit des Films die Biographien der Darsteller schon vorwegnehmen. Mir fiel z.B. auf, dass Armin Müller-Stahl (ebenjener Franzose im Film, der angesichts eines Trinkwasserbrunnens schwach wird) spätestens mit seiner Unterschrift unter die Biermann-Petition sich gegen den sozialistischen Kulturbetrieb auflehnt und schließlich in den Westen ausreisen darf. Ganz ähnlich verläuft die Sache bei Manfred Krug, der im Film den Polen Oleg spielt, der ziemlich am Ende des Films auch den Gemeinschaftsgedanken kritisiert und im wirklichen Leben fast zeitgleich wie Armin Müller-Stahl in den Westen Deutschlands geht.

Dagegen bleibt Ulrich Thein, der im Film einen spanischen Republikaner verkörpert und stets das Banner der gemeinsamen Sache hoch hält, in der DDR als anerkannter Schauspieler tätig und hat eher Schwierigkeiten mit den neuen Verhältnissen im deutsch-deutschen Kulturbetrieb nach der Wiedervereinigung. 1991 tritt er aus der gesamtdeutschen Akademie der Künste aus.

Ernst Busch schließlich, der zwar nicht mitspielte, aber das Titellied des Films singt, nimmt die Sonderrolle eines unbeugsamen Kritikers ein, der sein Land nicht verlassen wollte, aber sich auch nicht mit der Führung der DDR arrangieren konnte. Der Weg, den er wählte, war die innere Emigration, der völlige Rückzug aus dem Beruf des Schauspielers, als die Gängelei und Reglementierung durch die Zensurbehörden und die Partei in hohem Maße zunahmen.

Der erste richtige herbstliche verregnete Sonntag

Brrrrr. Was für ein Wetter war das denn an diesem Sonntag?! Den ganzen Herbst über höre ich tagein tagaus von meinen Kollegen, wie schön warm und trocken es doch in Korea im Vergleich zu Deutschland sei - und dann ist der erste Sonntag da, an dem es fast ununterbrochen regnet.

Aber ich will nicht meckern. Es war ein guter Tag. Schön kalt und grau und nass, so wie es eben ein Mitteleuropäer gewohnt ist. Genau so mag ich es, denn dann hat man endlich Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben: Tee trinken und dem Regen dabei zuhören und -schauen.

Gesehen am Balkongeländer, irgendwann nachmittags.

15.10.06

Ein Dankeschön

Ich möchte mich bei den Leuten von seoulselection für die großartige Organisation der Tour nach Ganghwa Island bedanken. Anstatt vieler Worte - eine Blume! Gesehen im Jeoundeung-sa Tempel am 14.10.2006.

Aufgaben für die Zwischenprüfung

Morgen beginnt die Zwischenprüfungswoche. Schön, dass Sie mal vorbeigeschaut haben...

Die Prüfungsaufgaben finden Sie hier nicht, sondern am Tag der Zwischenprüfung auf Ihrem Tisch. So, und jetzt lernen Sie bitte weiter.


Text kann man sichtbar machen, indem man ihn markiert. ^-^

13.10.06

Moderner Fremdsprachenunterricht - Die Basics

Ein paar Sätze, die Koreaner für ihren Deutschland-Aufenthalt unbedingt lernen sollten, um schnell nette Leute kennen zu lernen:
  • "In Korea passiert immer etwas. Immer!" Sprechsituation: Etwas Unvorstellbares ist gerade passiert. Ganz plötzlich. Ganz überraschend. Ganz unerwartet. Für einen Deutschland-Aufenthalt sollte man den Satz geografisch leicht abwandeln in: "In Deutschland passiert immer etwas. Immer!"
  • "Das weiß ich gaaar nicht." (Betonung auf dem langen "aaa") Sprechsituation: Hier gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder der Sprecher drückt aus, dass er wirklich absolut keine Ahnung hat. Oder er weiß schon etwas zu diesem Thema, will darüber aber aus unerfindlichen Gründen nicht reden. Das passende Video für das Aussprachetraining:
  • "Hm?" Sprechsituation: Auch wenn die Frage inhaltlich verstanden wurde, sollte man dieses kurze Geräusch möglichst oft einsetzen, um Zeit für die Formulierung der eigenen Antwort zu gewinnen.
  • "Das geht doch nicht." Sprechsituation: Das geht doch nun aber wirklich auf gaaar keinen Fall!!! In Franken (Nordbayern) sagt man: Des kannst net mache, weil des geht echt net. Das passende Video für das Aussprachetraining:

  • "Das ist typisch koreanisch. Ganz ganz typisch." Sprechsituation: Der Schlußsatz, wenn man zuvor über koreanische Eigenarten erzählt hat.
  • "Mainz? Wo liegt denn Mainz???" oder auch: "Bochum ist eine schöne Stadt." Sprechsituation: Wenn man eine Stadt in Deutschland nicht kennt (oder lieber nicht kennen lernen will), dann fragt man mit einem leicht angeekeltem Unterton in der Stimme, wo denn dieses lächerliche unbekannte "Nest" liegt. Ergänzung: Wenn man in Bochum promoviert hat, sollte man unbedingt auch ein bißchen Reklame dafür machen. Vielleicht gibt's ja Geld vom Bochumer Fremdenverkehrsamt.
  • "Bochum? Wo liegt denn Bochum???" (die Steigerungsfrage zu der Mainz-Frage) oder noch besser: "Meenz bleebt Meenz." Sprechsituation: Das Pendant zu obiger Frage - für den Fall, dass man in Mainz promoviert hat. Bochum-Bashing UND echtes sprachliches Lokalkolorit kunstvoll in wenigen Worten zusammenzufügen ist eine Fähigkeit, die nicht jeder Mensch hat - aber erlernbar ist. Für Koreaner, die in Berlin leben, empfiehlt sich der Satz: "Ick bin ain Balina." In Sachsen: "Sing, mei Sachse sing." In Bayern: "Joa, is denn hoit scho Weihnachten?" In Niedersachsen: "Hömma spozzfroind!" In Schleswig-Holstein: "Was dem ainän sain Kuddä, is däm annän sain Buddä." usw. usf. Einfach den Leuten auf der Straße etwas länger zuhören.
  • "Das ist egal." Sprechsituation: Du kannst mir erzählen, was du willst. Ich bin trotzdem nicht deiner Meinung, aber ich will auch nicht mit dir über dieses Thema ernsthaft weiter diskutieren.
  • "Ich hasse Alkohol. Deshalb muss ich ihn vernichten." Sprechsituation: In jeder Kneipe. Großes Finale. Die Lacher hat man sofort auf seiner Seite.

12.10.06

Wie geht's?

Žiūrėjau žinias.
Perkirpo juostelę.
Davė interviu.
Bombardavo.
Nuskendo du vaikai ir automobilis
(atskirai).
Apie automobilį pasakojo ilgiau
nei apie vaikus.

(Auszug aus dem Gedicht: "Kaip gyveni?" von Daiva Čepauskaitė)

Tagelang so tun, als würde es nichts wichtigeres geben als die Fernsehnachrichten, dabei sich zufällig an diese litauische Lyrikerin erinnern und, wieder und wieder ihre Gedichte lesend, innehalten und den Ausschaltknopf auf der Fernbedienung endlich glücklicherweise finden.

10.10.06

Wo kein Platz mehr ist

Wo kein Platz mehr ist
für das Laub an den Bäumen
fliegt es davon.

Zeit, um zu kehren.

9.10.06

Nordkoreanischer Atomtest

Kaum hat die Nachricht vom nordkoreanischen Atombombentest die Runde gemacht, häufen sich die besorgten Anrufe aus Deutschland - was ja auch irgendwie verständlich ist.

Zur allgemeinen Beruhigung veröffentliche ich hier eine kurze Zusammenfassung, was heute (nicht) geschehen ist:
  1. Es geht mir gut.
  2. Ich bekam die Meldung zuerst per SMS von einem... Deutschen!
  3. Ich habe direkt keinerlei Auswirkungen gespürt. Das Testzentrum an der nordkoreanischen Ostküste ist zu weit entfernt von Seoul. Es soll allerdings einen Erdstoß gegeben haben, der auch vom südkoreanischen Geheimdienst registriert wurde, aber von vergleichsweise schwacher Intensität gewesen sein soll.
  4. In sehr vielen Restaurants, Bars und öffentlichen Gebäuden werden die Nachrichten gezeigt. Auch in den U-Bahnen laufen auf den Monitoren die Bilder des Atomwaffentests. Die Südkoreaner schauen sich alles interessiert an. Öffentliche Diskussionen gibt es jedoch nicht.
  5. Die südkoreanische Armee wurde in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt.
  6. Internationale Proteste aus Japan und erstaunlicherweise auch aus China wurden veröffentlicht.
  7. In der Innenstadt von Seoul soll es zu spontanen Friedensdemonstrationen gekommen sein. Bestätigen kann ich das nicht. Ich habe es nur gehört.
  8. Ich sitze gerade an einem ausführlichem Text, den ich in den nächsten Tagen veröffentlichen werde.

Deutsche Leid-Kultur

Deutsche Kultur wird hier ganz klein geschrieben.

Gefunden auf einem Briefkopf der Korea University.

8.10.06

Der Kimchi-Kühlschrank - Ein Segen der Moderne

Kimchi, jenes legendäre Kraut, ohne das die Koreaner schwerlich überleben könnten, das bei Tisch als Beilage zu fast allen Gerichten gereicht wird und dem oft sogar magische Heil- und Abwehrkräfte gegen Krebs nachgesagt werden, hat eine lange Herstellungsgeschichte.

Im Oktober begann man früher traditionellerweise Kimchi-Vorräte für den Winter anzulegen. Dazu benötigte man hohe Behälter aus gebranntem Ton, die eine Art Glasur erhielten, damit die aufbewahrten Lebensmittel nicht anfingen zu schimmeln (Bild unten, linke Seite). Der Kohl wurde klein geschnitten, in eine scharfe Sauce eingelegt und zum Teil mit anderen Gemüsesorten vermengt. Anschließend wurde alles mit Gewürzen abgeschmeckt. So ist es auch nicht verwunderlich, dass es in Korea viele regionale Kimchi-Sorten gibt, die alle ein bißchen anders schmecken, weil sie aus anderen Zutaten bestehen.

In der heutigen Zeit findet man dagegen kaum noch eine koreanische Hausfrau, die selbst Kimchi für den Winter zubereitet. Oft wird das fertige Produkt im Supermarkt gekauft. Zum einen ist es für die Großstädter ein Platzproblem (Wohin mit dem Behälter? Nicht alle Wohnungen haben einen Balkon). Zum anderen ist die ganze Vorbereitung und Herstellung des Kimchis zeitaufwändig und für eine moderne koreanische Kleinfamilie auch finanziell nicht günstiger, als wenn man das Endprodukt im Laden kauft.

Nichtsdestotrotz gibt es für diejenigen Kimchi-Liebhaber, die von dem selbstgemachten Kraut nie genug bekommen können, eine fortschrittliche Lösung für die heimische Küche: Den Kimchi-Kühlschrank. Dieses Wunderwerk moderner Haushaltstechnik (Bild unten, rechte Seite) verheißt eine unkomplizierte Zubereitung. Dabei werden die Zutaten in eine Art kleine Tupper-Dosen verpackt und anschließend aufs Knöpfchen gedrückt. Die Zutaten muss man zwar noch selbst schneiden, mischen und abschmecken. Der Reifeprozess wird allerdings von der Kühl-Maschine kontrolliert und gesteuert. Verschiedene Programme erlauben es, das Kimchi langsamer oder schneller reifen zu lassen und so Einfluss auf den Geschmack zu nehmen.

Gesehen im Korean Folk Village, Suwon.

7.10.06

Dancing With Myself


Das Leben ist eine Reise. Nimm nicht zu viel Gepäck mit. (Billy Idol)

6.10.06

Chuseok

Diese Woche hatte ich verhältnismäßig wenig Unterricht, was auf die gerade stattfindenden Chuseok-Feiertage in Korea zurückzuführen ist. Die Straßen rings um den Campus sind fast menschenleer. Es ist so friedlich und still, dass ich zeitweise den Eindruck habe, in Berlin zu sein. Die Welt hält einen Moment lang den Atem an.

Erstaunlich finde ich, wie wenig manche Koreaner über diesen Feiertag wissen. Neugierig wie ich nun mal bin, fragte ich vor einer Woche in den verschiedensten Deutschkursen herum, was der Name "Chuseok" denn bedeutet und auf welchen historischen Traditionen er beruht. Daraufhin versanken die befragten Studenten in tiefes Nachdenken und gaben dann einige zögerliche Antworten. Der Wikipedia-Eintrag über das Chuseok-Fest sei wie immer den interessierten Lesern empfohlen.

Ich geniesse diese freie Zeit sehr und hätte nie gedacht, was sich in einer einwöchigen Zeitspanne alles für Verabredungen und Ausflüge ergeben. Langweilig ist mir ganz und gar nicht. Ganz im Gegenteil: Ich muss mich zwingen, zu Hause zu bleiben, um dies und jenes aufzuschreiben. Auch wenn es sich unterwegs auf den Straßen so anfühlt, als würde man gerade Weihnachten allein verbringen (Obwohl ich noch nie Weihnachten allein verbracht habe - aber so stelle ich es mir ungefähr vor.)

An solchen Tagen bzw. in solchen Nächten lernt man z.B. auch, woher das Wort "Bregen" kommt und welches englische Wort dahinter steckt.

P.S. Vielleicht fange ich wirklich eines Tages an, zu podcasten. Was ich hier für Erzählungen von den unterschiedlichsten Leuten höre, müsste eigentlich noch in einer anderen (nicht-schriftlichen) Form festgehalten werden.

5.10.06

In Makkoli Veritas

Aus wissenschaftlichen Gründen habe ich bei youtube spaßeshalber mal "Makkoli" eingegeben und diesen Lehrfilm (nur auf Englisch) gefunden. Ich distanziere mich hiermit ausdrücklich vom Inhalt dieses Machwerks und kann vor den Folgen des Alkohols nur warnen.



Für die eiligen Leser: Ab Minute 2:12 gibt es eine "Werbepause", in der erklärt wird, was Makkoli eigentlich ist.

Und den Satz des jungen Schauspielers, dass er noch nie Makkoli probiert habe, kann ich auch nicht ganz nachvollziehen, denn seine Darstellung eines Betrunkenen kommt der Wirklichkeit sehr nahe. Das ist "method acting at its best".

1.10.06

Circus Maximus

Die (in-)offizielle "Herbstferienwoche" mit einer ganzen Reihe von Feiertagen ist schon heute eröffnet worden. Nicht nur das nahende Chuseok-Fest (fälschlicherweise sehr oft mit dem deutschen Erntedankfest gleichgesetzt) wirft seine Schatten voraus. Auch das etwas unbedeutendere Gaecheonjeol (Tag der Öffnung des Himmelstores) am 3. Oktober steht uns bevor. Im südkoreanischen Fernsehen zeigten auf YTN Soldaten, Fallschirmspringer und andere Kostümträger live ihre Darbietungen, die von einem begeisterten Präsidenten nebst Entourage beklatscht wurden. Auf dem folgenden Bild sieht man:
  1. eine "Stressfrei-durch-Atementspannung"-Selbsthilfegruppe
  2. einige Dutzend Statisten, die von den Druckwellen eines landenden Hubschraubers zu Boden geworfen werden
  3. Friedensaktivisten, die gegen die Feierlichkeiten in Form eines Liege-Streiks protestieren
  4. eine Breakdance-Gruppe
  5. nichts von alldem, sondern...