24.6.08

Wann beginnt die Erinnerung?

Ein für die kommenden Wochen letzter Blick in die Foto-Ordner auf der Festplatte zeigt Obskures.

Kleine Hunde mit neonorange-gefärbten Ohren. Plastikpistolen in Supermärkten. Koreanische Wohnzimmereinrichtungen in Kaufhäusern. Schneewittchen im Schnee. Spinnende Frauen. Springende Hunde. Männer vor Süßigkeitenregalen am 14. März. Fütterung der Rehe. Eiersuche. Magnolienblüte. Selbstporträts. Steinfiguren auf Jeju. Sexplastiken im Jeju Love Land. Überhaupt sehr viele Formen in Stein, Plastik und Metall auf Jeju. Dösende Studenten. Buddhas Geburtstag. Lustige Thermometer-Zeichensprache.

Badeok-Spieler in Busan. Piraten, nur verkleidet. Ein Buddha aus Datteln. Kunst (und was sich so nennt).

Und das ist alles in nur einem halben Jahr passiert? Das war ich? Da war ich tatsächlich dabei? Beim Betrachten der Fotos kommt es mir bei vielen Aufnahmen so vor, als hätte ich sie schon vor sehr langer Zeit gemacht. Es überrascht mich, wie wenig Zeit eigentlich vergangen ist und wieviel an Eindrücken sich angesammelt hat.

In diesem Sinne: Schöne Ferien und bis bald. In den nächsten Wochen wird es hier weniger Beiträge zu lesen geben.

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High Deluxe Moving Snack Car

Gesehen auf Taejongdae/Busan am 8.6.2008

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22.6.08

Nord gegen Süd (mit Update)

So, gleich geht es los zum World Cup Stadium am westlichen Stadtrand von Seoul. Heute spielen Nord- und Südkorea gegeneinander. 20 Uhr ist Anpfiff. Nur eine Mannschaft kommt weiter in die nächste Runde für die innerasiatische Qualifikation für die WM 2010 in Südafrika. Ich hoffe, wir bekommen noch Eintrittskarten.

Mein Tipp: Südkorea kommt weiter, nächstes Jahr werden beide Länder sich aber wiedervereinigen und drei Nordkoreaner dürfen mit zur WM-Endrunde fahren. (So ähnlich war das, 1992, als drei ehemalige ostdeutsche Fussballer - Thom, Doll, Sammer - für das gesamtdeutsche Team international bei der EM antreten durften.)

P.S.: Wer hätte gedacht, dass Russland die hoch favorisierten Niederländer aus der diesjährigen EM rauskegelt? Ich freu mich ja schon auf das Endspiel Türkei-Russland... und ich bin wieder in Berlin, mittendrin statt nur dabei.

Update, 23:30 Uhr:

Gerade sind wir von einem enttäuschenden Spiel heimgekommen. Karten hatten wir ohne Probleme noch bekommen. Das Stadion war zu schätzungsweise 80% gut gefüllt. Aber die sportlichen Leistungen der Nord- und Südkoreaner waren nicht sehenswert, um es mal vorsichtig auszudrücken. In den besten Momenten erinnerte die Begegnung an ein mittelprächtiges Freundschaftsspiel zwischen zwei gut befreundeten Ländern, die sich auf keinen Fall weh tun wollen und sich genüßlich die Bälle auf dem Rasen zuschieben. Kein Wunder, dass es abgesehen von ein bis zwei guten Torchancen auf beiden Seiten bei einem 0:0 blieb. Ich vermute ja, dass hier eine diplomatische Lösung gefunden werden musste, wenn schon beide Teilstaaten gegeneinander antreten mussten.

Einige fotografische Eindrücke vor, während und nach dem Spiel:
Vorplatz des World Cup Stadiums gegen 18:30 Uhr.


Einzug der Musiker, die vor Spielbeginn die koreanische Volksweise "Arirang" spielten.


Spielfeld vom Block W-N aus gesehen.


Torchance für Nordkorea (weiße Trikots) in der 2. Halbzeit.


Gesamtkoreanische Fahne? Was sportlich geht, sollte doch politisch auch irgendwann möglich sein.

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19.6.08

Deutschland im Viertelfinale, mutlos

Heute abend spielt Deutschland gegen Portugal bei der Europameisterschaft im Viertelfinale. Die Vorrundenspiele der Deutschen habe ich zwar nur als Kurzzusammenfassung bei DW-TV gesehen, aber das hat mir schon gereicht.

Insbesondere das letzte Spiel gegen Österreich wurde als "Arbeitssieg" bezeichnet, also nicht als spielerische Glanzleistung, mit der sich die deutsche Mannschaft von der vorigen Niederlage gegen Kroatien rehabilitiert hat.

Hinzu kommt: Löw sitzt wegen seines Ausrasters gegen den österreichischen Trainer auf der Tribüne, Frings ist irgendwie irgendwo verletzt. Gute Ausgangsbedingungen in einem entscheidenden Match sehen anders aus. Insofern wünsche ich den deutschen Fußballern zwar den Sieg, tippe aber realistisch auf eine knappe Entscheidung und einen Sieg der Portugiesen im Elfmeterschießen - 5:4 für Portugal.

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18.6.08

Luftbild

Im fernen Deutschland hat man meiner Meinung nach keine Ahnung, welche Dimensionen die "Kerzenproteste" in Südkorea gegen die amerikanischen Rindfleischimporte und die Regierungspolitik angenommen haben. Erinnert stark an die Montagsdemonstrationen 1989 in Berlin, Leipzig, Dresden...

Ich fand gerade eben in einem Foto-Blog eine sehr gelungene Panorama-Aufnahme, die den von Demonstranten bevölkerten Rathausvorplatz und eine der großen Hauptstraßen Seouls von oben zeigt.

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16.6.08

Mehr Drama, Baby!

Schön, dass Samsung dem neuen iPhone etwas entgegenstellen will, auch wenn ich es nicht unbedingt "iPhone-Killer" nennen würde, wie es gerade in den sogenannten Medien hochgejubelt wird. Auch wenn das Gerät gut aussieht, klingt dieses Attribut reichlich albern. Vor allem weil Apple vorerst gar nicht vorhat, das neue iPhone 3G auf dem koreanischen Markt herauszubringen.

Damit das Samsung-Zauberding auch reißenden Absatz findet, sollten sowohl der Hersteller und auch die Händler genau darauf achten, dass sämtliche Händys, die älter als 6 Monate sind, aus den Regalen zu nehmen sind. Gleichzeitig sollte jeder Käufer gezwungen werden, einen neuen Vertrag abzuschließen. Abzuraten ist von Prepaid-Karten, denn damit verdienen die Mobilfunkunternehmen nichts bzw. zu wenig.

Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass in Südkorea die Händy-Anbieter kein Geld mit ausländischen Kunden verdienen wollen. Meine Freundin besitzt und benutzt seit einigen Monaten ein mindestens 3 Jahre altes LG-Händy, das relativ schwer und unhandlich ist. (Mein eigenes Händy ist noch älter und neuerdings kann ich damit auch weder SMS schreiben noch empfangen, aber man kann damit telefonieren und deswegen habe ich das Teil immer noch.) Vor einigen Wochen begannen die Schwierigkeiten. Zuerst erhielt meine Freundin eine harmlos klingende SMS von dem Netzbetreiber verbunden mit der Aufforderung, dass sie daran denken solle, ihre Prepaid-Karte wieder aufzuladen und zur Überprüfung ihres Geräts in einen LG-Telekom-Laden gehen solle. Normalerweise kann man so etwas getrost ignorieren. Denn wenn das Guthaben bei einer Prepaid-Karte abtelefoniert ist, funktioniert das Händy so lange nicht, bis man es wieder aufgeladen hat. Und das geht meiner Erfahrung nach sehr einfach vonstatten.

Diesmal war jedoch alles anders. Ein paar Tage nach dieser ersten SMS konnte meine Freundin weder Mitteilungen versenden noch anrufen. In einem Telekom-Laden stellte man fest, dass das Guthaben noch nicht restlos aufgebraucht worden sei. Niemand konnte uns wirklich erklären, wo der Fehler lag. Mal hieß es, dass sie eine Alien Registration Card vorlegen müsse, um das Händy neu zu registrieren. Dann wieder, dass das Händy ja gar nicht auf ihren Namen registriert sei. Dann wieder, dass sie als Ausländerin nach jeweils drei Monaten das Händy in einer speziellen LG-Filiale immer wieder entsperren lassen müsse. Vielleicht haben die Südkoreaner nach all dem "american beef" jetzt Angst, dass die hier lebenden Ausländer mit hochmoderner Kommunikationstechnologie irgendetwas Gefährliches anstellen könnten. Wer weiß, wer weiß...

Der Paukenschlag kam dann heute, als wir mit einer koreanischen Bekannten einen LG-Telekom-Laden aufsuchten, damit sie den Angestellten erklären konnte, dass wir das Händy meiner Freundin der Einfachheit halber auf meinen Namen registrieren lassen wollten und sogar bereit waren, das restliche Guthaben auf ihrer Karte verfallen zu lassen. Der Angestellte meinte allen Ernstes, dass er uns leider keinen neuen Prepaid-Vertrag geben könne, da das Guthaben auf der alten Prepaid-Karte noch nicht abtelefoniert sei!

Ich vermute ganz stark, dass (Vorsicht, Satire!) Samsung (und LG und wie sie alle heißen) landesweit Anweisungen erteilt haben, nur noch für Neugeräte Verträge ausstellen zu lassen. Stichwort "iPhone-Killer". Irgendwie muss man ja Umsätze generieren. In Deutschland bekommt man Prepaid-Karten hinterher geworfen. Selbst die Geräte werden zu absoluten Kampfpreisen verscherbelt. In Korea entwickelt sich aus der simplen Vertragsunterzeichnung ein Drama in mehreren Akten.

Ich meine, ich finde es herrlich, wenn Koreaner mit ihren Händys in der U-Bahn Fernsehen gucken können und auch ihre Einkäufe damit bezahlen. Aber was nützt der ganze Schnickschnack, wenn der Zugang zur Mobilkommunikation schon so erschwert wird?!

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11.6.08

Was ist los in Gruppe 3?

Die europäischen Fußballer sind mehrheitlich gerade in Österreich und der Schweiz beschäftigt. Aber auch den asiatischen Spielern wird keine Atempause gegönnt, denn sie bestreiten zur Zeit die Qualifikationsspiele für die WM 2010 in Südafrika.

Ein Blick in die Vor-Vor-Vorrunden-Gruppe 3 Asiens überraschte mich: Südkorea, Nordkorea, Turkmenistan und Jordanien spielen dort gegeneinander. Das bietet ja von vornherein schon allerhand (sport-)politischen Sprengstoff. Und nur einer kommt weiter. Bis jetzt liegt Südkorea in der Tabelle vorn und ich drücke ihnen natürlich die Daumen, dass sie die Quali schaffen (um dann 2010 wieder vom deutschen Team im Halbfinale hinausgeworfen zu werden...).

Die südkoreanischen Sportfunktionäre plagen aber im Moment ganz andere Sorgen. Das Hinspiel zwischen Nord- und Südkorea fand im neutralen China, in Shanghai, statt. Mit einem sehr diplomatischen 0:0 können beide Mannschaften zufrieden sein. Nun bestehen die Südkoreaner darauf, dass das Rückspiel in Seoul laufen soll. Bin gespannt, wie sich diese kleine Nachricht am Rande weiter entwickeln wird.

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Tore in 3D

Als Fußballfan hat man es fern der mitteleuropäischen Zeitzone nicht leicht. Gerade läuft die Fußball-Europameisterschaft und man verschläft die ganzen wichtigen Vorrundenspiele. Mein Morgenritual ist seit EM-Beginn die Spielzusammenfassung bei Deutsche Welle TV, die zum Glück immer gleich am Anfang der Nachrichten kommt. Dazu gehört auch das familieninterne Mini-Tipp-Spiel, bei dem meine Assistenztrainerin ziemlich oft und richtig die Ergebnisse vorhersagt. Auch auf eine fundierte Spielanalyse muss ich nicht verzichten dank des Fußball-Specials bei MSN Sport. Sehr angetan bin ich von dem Videomagazin, der animierten 3D-Stadion-Show inklusive aller Tore und Spielstatistiken. Nachteil: Man muss Silverlight, eine kostenlose Microsoft-Applikation, für seinen Browser installieren, um sich die Animationen ansehen zu können.

Außerdem bleibe ich mit dem ebenfalls kostenlosen Plugin Footiefox für den Firefox auf dem Laufenden (übrigens auch für die Bundesliga-Saison empfehlenswert).

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Madang-Blog

Manchmal ist die Welt doch sehr klein und wenn dann noch Kollege Zufall seine Hand mit im Spiel hat, treffen sich im südlichsten Südkorea zwei deutsche Blogger, die nebenbei auch noch Deutsch unterrichten.

So geschehen auf der Lektorenkonferenz in Busan am vergangenen Wochenende, als ich einfach neben zwei Lektoren stand und mithörte, dass sie sich über ihre Blogs unterhielten. Da stellte ich meine Lauscher natürlich senkrecht auf Empfang und lernte so Jens-Olaf kennen, der als lehrender Blogger oder bloggender Lehrer das Madang-Blog schreibt. Wirklich lesenswert.

Da ich mich selbst als Referent leider nicht fotografieren konnte, verweise ich auf den Post bei Jens-Olaf mit einer knackigen Zusammenfassung der Konferenz und ein paar Bildern.

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China ist groß

Ungelogen fünf verschiedene Kellner und Kellnerinnen servierten nacheinander die mindestens fünf verschiedenen Gänge gestern im "The C", einem China-Restaurant hier in der Nähe der Korea Universität. Die Begriffe Personalmangel aber auch die damit verbundenen Kosten scheinen die chinesischen Restaurantbetreiber nicht zu kennen.

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5.6.08

Erinnerungstag

Man sollte sich von deutschen Politikern nicht einreden lassen, dass die Deutschen pro Jahr viel zu viele freie Tage hätten im internationalen Vergleich. Morgen ist in Korea "Erinnerungstag" und auch die Liste der anderen Feiertage kann sich sehen lassen. Im direkten Ländervergleich haben die Deutschen nämlich gar nicht so viele Feiertage mehr.

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Streit!

Vor einigen Tagen geriet ich in einen kurzen heftigen Streit darüber, ob es in Seoul Fahrpläne für die U-Bahnen gäbe. Ich sagte nein, ein Student sagte ja. Eine andere Studentin meinte nein, ein anderer Student sagte ja. So ging das eine ganze Weile hin und her. Ich ließ mir das koreanische Wort für Fahrplan aufschreiben und den Ort beschreiben, wo die Fahrpläne in der U-Bahn angeblich aushängen.

Heute kam einer der Studenten an und zeigte mir auf seinem Handy-Display ein Foto mit einem echten Fahrplan mit Stunden- und Minutenangaben, den er in der Kodae Station extra als Beweismittel für mich abgelichtet hatte. OK, diesmal habe ich verloren und wieder was dazu gelernt.

Aber es gibt keine exakten Busfahrpläne in Seoul, bätsch! Nur Zeitangaben, dass innerhalb der nächsten 20 bis 30 Minuten wieder ein Bus an der Haltestelle auftauchen könnte.

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Wo ist meine Freundin?

Habe heute im Anfängerkurs die lokalen Präpositionen (auf, an, in, usw...) behandelt. Anschließend sollten sich die Studenten gegenseitig fragen, wo welche Gegenstände auf ihren Tischen liegen. Ein junger Koreaner fragte seinen Nachbarn ganz ernsthaft: "Wo ist meine Freundin?" und ich bin immer noch überrascht, dass Koreaner soviel Humor haben.

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4.6.08

Die fetten Jahre sind vorbei

Schon komisch: Man sitzt direkt in der südkoreanischen Hauptstadt und bekommt nicht mit, was vor ein paar Tagen sozusagen vor der Haustür vor sich ging.

Seitdem die Koreaner im letzten Jahr mit den Amerikanern ziemlich blauäugig ein Freihandelsabkommen abgeschlossen haben, werden sie mit den wirtschaftlichen Folgen nicht so richtig glücklich. Eigentlich sollte alles besser werden. Mehr Exporte nach Amerika, höhere Produktion, höhere Umsätze, mehr Arbeitsplätze usw. usf. Zweifel am Sinn dieses Wirtschaftsvertrags gab es vor der Unterzeichnung schon auf der koreanischen Seite. Nur leider hörte niemand auf die kritischen Stimmen.

Besonders der stark subventionierte Agrarsektor hat im Moment unter dem harten Wettbewerb und der Marktöffnung für amerikanische Lebensmittel zu leiden. Es war deshalb nur eine Frage der Zeit, bis es zu Protesten kommt. Diesmal ist es die Furcht vor BSE-verseuchtem Rindfleisch, dass aus Amerika importiert wird. Beim nächsten Mal geht es bald vielleicht um etwas anderes. Ich kann mir schwer vorstellen, dass jetzt alles geregelt ist und nicht nachgebessert werden muss.

Und aus der fernen Heimat hört man auch keine guten Nachrichten. In Deutschland geht es gerade um die Milchbauern und ihre Forderung nach höheren Erzeugerpreisen. Es scheint sich abzuzeichnen, dass in nächster Zeit das Thema Nahrung/Ernährung (und was wir bereit sind, dafür auszugeben) stärker in das öffentliche Bewusstsein rücken wird.

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3.6.08

Jung ist man nur einmal im Leben

Mir fiel vor ein oder zwei Wochen auf, was koreanische von deutschen Studenten unterscheidet. Beim Gang über den Campus der Korea Universität sah ich, wie vor allem die Studentinnen bunte Luftballons in den Händen hielten. Eine Woche vorher waren es bunte Blumensträuße oder kleine Blumenkörbchen. Kein deutscher Student würde sich so an der Universität blicken lassen (von Abschlussfeiern mal abgesehen).

War ich vor 10 Jahren auch so?

Als im Unterricht ein Student erzählte, dass er am Wochenende bei einer politischen Demonstration gewesen war und gegen den Präsidenten gekämpft hatte, entglitten mir fast die Gesichtszüge, denn von mir hat er diesen Wortschatz nicht gelernt und auch die Entschlossenheit, mit der er sprach, überraschte mich. Koreanische Studenten sind noch unpolitischer als deutsche Studenten, interessieren sich mehr für ihre privaten Interessen oder ihr Studium. Mir kommt es oft so vor, als hätten junge Koreaner viel weniger Ahnung, was in der Welt da draußen vor sich geht.

Wer studieren kann, der zählt bereits zu den gesellschaftlichen Gewinnern. Die Studiengebühren sind relativ hoch. Nicht jede Familie kann es sich leisten, die eigenen Kinder an eine Hochschule zu schicken. Hier ist man als Student froh, zu den Privilegierten zu gehören, die nicht mit Anfang 20 schon in einer Firma arbeiten müssen, weil sie dringend Geld brauchen. Studieren bedeutet in Korea vor allem eine Atempause zwischen Schule und Arbeit. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass fast jeder Koreaner auch studiert hat. Wie hoch der Anteil der Akademiker in Deutschland ist, kann ich schwer abschätzen, aber ich denke, er liegt deutlich unter den koreanischen Zahlen. Ein abgeschlossenes Studium heißt aber nicht, dass man automatisch einen Job bekommt. Dabei spielt vor allem eine Rolle, an welcher Uni man studiert hat. Wer eine der drei großen und wichtigsten Unis (Seoul National, Korea Uni und Yonsei) besucht hat, der hat gute bis sehr gute Karrieremöglichkeiten, auch wenn ich mir in letzter Zeit habe sagen lassen, dass das auch nicht mehr so stimmt. Die Jugendarbeitslosigkeit in Korea ist in vergangener Zeit stark angestiegen.

Korea hat zwar einen hohen Anteil an Studenten, aber das bedeutet nicht zwangsläufig, dass Korea die besseren Hochschulabsolventen hat. Ich möchte keine pauschalen Urteile abgeben, sondern nur meine Eindrücke erzählen. Koreaner lernen nicht mehr und nicht weniger an einer Uni, auch wenn sie sich pro Tag viel länger an der Universität aufhalten. Das ist aber auch nicht weiter verwunderlich, denn die wenigsten haben hier eine eigene Wohnung (weil Wohnraum in Seoul ganz einfach zu teuer ist) und wohnen deshalb noch bei ihren Eltern. Hinzu kommt, dass die Wohnungen der Familien in teilweise weit entfernten Vierteln liegen und die Studenten jeden Tag lange Fahrtwege zurücklegen, um zur Uni zu kommen. Da liegt es nahe, dass man sich den ganzen Tag an der Uni aufhält. Man darf für Seoul nicht den Maßstab einer kleinen familiären Campus-Uni in einer mittelgroßen deutschen Stadt anlegen, wo die Uni fester Bestandteil der Stadt ist. Die Korea Universität ist nur eine von Dutzenden anderer Unis in Seoul.

Gelernt wird an einer koreanischen Universität nur zweimal pro Semester: für die Zwischenprüfung und für die Abschlussprüfung. Natürlich gibt es auch jede Menge Hausarbeiten, Kontrollen, Tests usw. während des gesamten Semesters, auf die sich die Studenten vorbereiten. Aber wirklich viel Lernzeit investieren sie nur in die beiden wichtigsten Prüfungen in der Mitte und am Ende des Semesters.

Es gibt spezielle Lernräume für die koreanischen Studenten, auf die jeder deutsche Student, der sich einen Arbeitsplatz in der Bibliothek erkämpft hat, neidisch wäre. Zu Hause ist es eng und laut und die Familie hockt sich ständig auf der Pelle. An der Uni hat man seine Ruhe und relativ viel Freiheit beim Lernen. Ich habe beobachtet, dass die Mehrheit der Koreaner zwar viel lernt und viel Zeit in den Lernräumen verbringt. Allerdings stehen sie auch gern grüppchenweise rauchend vor der Tür oder trinken Kaffee oder halten hier ein Schwätzchen und da einen Plausch. Ich kann also nicht mit Sicherheit sagen, dass ihre Ergebnisse besser wären oder sie disziplinierter lernen.

Was mir an deutschen Hochschulen fehlt, hat sich an koreanischen Unis über Jahrzehnte hinweg neu eingebürgert. Ich meine studentische Traditionen, Feste und Feiern, Jubiläen. Man verspürt einen gewissen Stolz, dazu zugehören. Oft wurde der 68-er Generation von konservativen Politikern vorgeworfen, dass sie die deutschen Hochschulen so gründlich von ihrem Muff befreit hätten, dass auch die ganzen Traditionen verschwunden wären. Nun leben die Deutschen nicht mehr im Jahr 1968. Die Erde hat sich weiter gedreht, aber es wird nur vereinzelt an deutschen Hochschulen Wert darauf gelegt, die Universitätsstudenten gebührend zu begrüßen und zu verabschieden. Das würde in Korea gar nicht funktionieren. Hier ist der Werdegang der Kinder für die Eltern ein wichtiges Element. Man will wissen, wo sie studiert haben, man zeigt mit Stolz und sehr viel Selbstbewusstsein, wo welches Uni-Gebäude steht. Am Anfang und Ende des Studiums bzw. des Semesters reist die ganze Familie an, um den Sprößling zu fotografieren, mit Blumen zu beschenken und sich alles zeigen und erklären zu lassen. Die Studiengebühren sind hoch genug, also kann man für das investierte Geld auch etwas Schauwert erwarten. Und die Universität selbst lässt sich nicht lumpen und freut sich über die Imagewerbung. Im Gegenzug finanziert sie teure Festivals für die Studenten, Sportfeste, Partys, die Studentenclubs usw.

Ich kenne nicht viele Studenten in Deutschland, die von sich behaupten, dass sie stolz darauf waren an ihrer Uni studiert zu haben und sich mit deren weiterer Entwicklung beschäftigen (z.B. in Form großzügiger Spenden). Hier ist das selbstverständlich.

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2.6.08

Scott Bradfield: "Gute Mädchen haben's schwer"

Man nehme: jede Menge getöteter Männer, eine attraktive 19-jährige Frau namens Lah, die allen Männern den Kopf verdreht und anscheinend alle ihre Verehrer umgebracht hat und deswegen in einem Strafgefängnis sitzt und auf ihr Todesurteil per Giftspritze wartet. Man mische eine Prise Knasterotik bei, würze alles kräftig mit Gewaltexzessen und verschrobenen Wärtern, Insassen und Betreuern und erhält aus diesen Zutaten möglicherweise ein lesenswertes Buch.

Im Falle von Scott Bradfields Roman "Gute Mädchen haben's schwer" kam dabei leider nichts Gutes heraus. Die Handlung kriecht orientierungslos voran. Ein Gesprächsfetzen zwischen den unterschiedlichsten Therapeuten da, ein Tagebucheintrag der männermordenden Schönheit dort, ein halbes Geständnis dann wieder da, ein Brief an einen Verehrer wiederum dort. So zieht sich das seitenlang hin, ohne dass wirklich Spannung aufkommt. Selbst die halbwegs interessante Frage, ob die zum Tode verurteilte Lah nun wirklich an den Morden beteiligt war, wird viel zu früh aufgelöst.

Es ist eine krude Alt-Herren-Fantasie, die da in Gang gesetzt wird, die Variation des Themas der Verführung und Bestrafung, der Geschlechterkampf. Man hat das in ähnlicher Form schon mal irgendwo gesehen oder gelesen. Es ist keine neue Geschichte, die hier erzählt wird. Auch die literarische Form der Aneinanderreihung verschiedenster erzählerischer Elemente wie Tagebuchnotizen, Auszüge aus der Gefängnisakte, Briefe, Dialoge usw. verliert schnell seinen Reiz. Schlimmer noch, man verliert die Orientierung, wer was sagt, schreibt, denkt. Das macht auf Dauer keinen Spaß beim Lesen.

Ich habe das Buch schließlich mit Genuss aus der Hand gelegt, ganz einfach weil ich froh war, jetzt etwas anderes lesen zu können.

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1.6.08

Trommeln für Anfänger und Fortgeschrittene

Percussiongruppe der Korea Universität in typischen folkloristischen Kostümen:

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Nicht ganz fairer Vergleich: Das Schweizer Drum Corps "Top Secret", die als Amateure drei Jahre lang für ihre Vorstellung geprobt haben:


TOP SECRET Drum Corps Basel II in Edinburgh - MyVideo

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